Stationen eines Lebens.

 

Der Kosmopolit Heinrich Heidersberger

 

Inhaltsverzeichnis

 

Gliederung

Rolf Sachsse: Heinrich Heidersberger

Einleitung

Detaillierte Biographie unter folgenden Kriterien:

1. Kindheit

2. Jugend, Dänemark - Konfrontation und Auswirkung

3. Ausbildung, Wunsch und Traum. Manifestation eines grobgesteckten Ziels

4. Paris; Malerei und Exzentrik bis hin zur Weltwirtschaftskrise

5. Linz als Übergang für weitere Aktivitäten in der Künstlerkolonie der Malle Molen

und Übersiedlung nach Kopenhagen

6. Berlinaufenthalt Arbeit für die Verlage Ullstein und Scherl

7. Kriegsausbruch; Beruf und Entwicklung eines festen Métiers

8. Atelier "Hutfiltern" in Braunschweig

9. Architekturphotographie unter den Architekten der Braunschweiger Schule

10. Wolfsburg Gründung der Künstlerkolonie "Schloßstraße 8". Beibehaltung bis zum

heutigen Tag

Technische Raffinessen und Erfindungen, Eigenkreationen wie z.B. die Rhythmogramm-Maschine

Kommentare und Reaktionen von Zeitgenossen und anderen Photographen

Auseinandersetzung mit Sprachen, Literatur und Philosophie (Französisch, Dänisch, Englisch); (Proust, St. St. Blicher, J.P. Jacobsen, H.C. Andersen, Sheldrake u.a.)

Tabellarischer Lebenslauf

Werkverzeichnis, Bibliographie sowie Ausstellungen

Personenapparat

Bildkatalog

 

 

 

 

Rolf Sachsse: Heinrich Hedersberger

Schwarzer Himmel, Kleid aus Licht.

Heinrich Heidersberger und die deutsche Photographie des 20. Jahrhunderts

Heinrich Heidersberger ist in der deutschen Photographie eine einzigartige Erscheinung. Sein Oeuvre kann auf viele Einflüsse und Begegnungen bezogen werden, doch summieren sich diese in unvergleichlicher Weise. Vorgänger gibt es kaum; einzig Otto Umbehr, genannt Umbo, und Herbert List haben in den dreißiger Jahren nach ähnlicher Manier gearbeitet, einige Zeitgenossen schufen im Exil vergleichbare Werkkomplexe. Trotz manch didaktischer Publikationen ist Heidersberger ohne Nachfolger geblieben. Daß seine Bilder jederzeit unverwechselbar zu erkennen sind, macht ihn wirklich zu einer singulären Erscheinung, auch und gerade unter den Bedingungen eines auf Reproduktion angelegten Mediums.

Eigenartigerweise ist das stilistische Repertoire einer "fotografia metafisica", das in der Betrachtung mit diesem Oeuvre gemeinhin verknüpft wird, von ihm selbst nicht strikt eingehalten worden. Allerdings hat er in seiner langen Lebens- und Arbeitszeit ein knappes Dutzend Leitbilder geschaffen, von denen aus auf alle anderen Werke geblickt werden kann. Das ist, wie aus vielen Künstlerbiographien bekannt, Fluch und Segen zugleich: Was das Wiedererkennen und damit mögliche Ehre und Nachruhm sicherst, nagelt auf eine unveränderliche Sehweise fest. Insofern hatte Heinrich Heidersberger recht, wenn er noch als Siebzigjähriger glaubte, daß es für eine retrospektive Werkschau zu früh sei. Gerade hatte er noch- mit der Ansicht des Volkswagenwerkes von 1971- ein Bild geschaffen, das er zu Recht als eines seiner Leitbilder ansah. Und daß er selbst nicht der Meinung war, dies sei sein letztes, ist nur allzu verständlich.

Die Beschreibung dieses wie seiner wichtigsten anderen Bilder beginnt mit der Feststellung, sie seien schwarzweißgrau. Das ist richtig, schließt aber nicht aus, daß Heinrich Heidersberger ein sehr guter Farbphotograph gewesen ist, dessen verborgene Schätze auf diesem Areal noch gehoben werden müssen. So geht es mit nahezu allen stilistischen, technischen oder inhaltlichen Festlegungen. Auf Heidersberger angesprochen, gaben mir die meisten seiner kollegialen Zeitgenossen die klassische Antwort: "Ach, das ist doch der mit dem schwarzen Himmel." Das ist auch richtig, aber eben nur die halbe Wahrheit, denn der Photograph konnte durchaus die diffizilsten Grautöne erzeugen, wenn es dem Sujet diente. Eine seiner Aktphotographien trägt den eher ironischen Titel "Kleid aus Licht", weil es mehr Schatten denn das Licht ist, das die Frau vor weißem Hintergrund verhüllt. Und wären die Schatten so schwarz wie angeblich sonst das Himmelslicht in Heidersbergers Bildern, gäbe es keinen Blick auf die schöne Frau.

William Fox Talbot, einer der Erfinder der Photographie, hatte laut Tagebuch und Briefen lange überlegt, ob sein Verfahren "Schatten"- oder "Licht- Schreiben" heißen sollte; er entschied sich dann für das unbestimmte "Schön- Drucken", das Lichtbild setzte sich ein Jahrzehnt später ohne sein Zutun von Frankreich aus durch. Heinrich Heidersberger ist seiner Natur nach immer ein Schattenbildner gewesen - wie die meisten deutschen Photographinnen und Photographen. Es ist eine schwere Sprache, die sein Sehen vorgeformt hat, präzise und ausdrucksstark, mit lichter Höhung vor dunklem Grund - wie in deutscher Zeichnung und Graphik seit Dürer und Holbein üblich. Damit ist jederzeit und unschwer erkennbar, daß Heinrich Heidersberger ein deutscher Photograph ist, so international sich die Avantgarde der dreißiger und fünfziger Jahre auch gab - und der er mit allem Recht zuzurechnen ist. Jean Cocteau mochte seine Bilder wohl aufgrund ihrer stilistischen Nähe zu Man Ray, Izis Biderman oder Pierre Jahan, und die Architekten der fünfziger Jahre sahen in ihm einen Lichtbildner im Geiste von Bill Hedrich, Julius Shulman oder Ezra Stoller; doch bei näherem Hinsehen wirken Heidersbergers Arbeiten ein Quentchen schwärzer, härter, statuarischer, bodenlastiger. Ein kleines Quantum gewiß, aber genug für ein (Vor-) Urteil.

Unter den (bundes) deutschen Kollegen der Nachkriegszeit war Heinrich Heidersberger geschätzt, aber nicht unbedingt be- oder geliebt. Hans Baerend, Franz Lazi, Arthur Pfau und Karl-Hugo Schmölz haben sich schriftlich oder in Gesprächen mir gegenüber positiv zu seiner Arbeit geäußert, doch auch gleichzeitig mit jenem Etwas der Distanzierung, das erstaunen läßt. Nimmt man den frühverstorbenen Baerend aus der Reihe wieder heraus, so gibt es zunächst eine ökonomische Distinktion. Im Gegensatz zu den Kollegen, die dem bundesdeutschen Gleichsetzen von technologischem und wirtschaftlichem Wachstum gefolgt sind und daher immer größere Studios, Mitarbeiterzahlen und Geräte- samt Wagenparks benötigten, hat Heinrich Heidersberger immer mit kleinem Gepäck gearbeitet, mit dem Wohnwagen vor einem Haus drei oder mehr Tage lang auf das richtige Licht gewartet und dann auch nicht mehr als seine Kamera und zwei Lampen gebraucht.

Das macht ihn von der Arbeitsweise wie den Ergebnissen her mit einem exilierten Modephotographen desselben Alters vergleichbar, mit Horst P. Horst. Dieser Vergleich läßt sich über diverse Ebenen von Stilmitteln, semantischen Beigaben und symbolhaften Formgruppen durchführen, bis hin zur Umkehrung im Lebensweg: War Horst vor seiner Photographenlaufbahn Architekt und Photomodell, um dann in der Modephotographie zu landen, so wurde Heidersberger nach Anfängen in Malerei und Kunstgewerbe zum gesuchten Architekturphotographen. In der Distribution der Bilder endet allerdings auch dieser Vergleich- Horst publizierte in allen großen Magazinen dieser Welt, Heidersberger blieb immer nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt. Es dürfte ihm wirtschaftlich genügt haben, daß die Architekten der Braunschweiger Schule ihn für ihre Arbeiten bevorzugten und dafür sogar die Zusammenarbeit mit Kollegen wie Karl-Hugo Schmölz aufgaben; doch vom Anspruch einer künstlerischen Rezeption her waren Wirklichkeit und Hoffnung weit auseinander gedriftet- sicher auch ein deutsches Problem.

Unter den Photographinnen und Photographen der bundesdeutschen Nachkriegszeit war Heinrich Heidersberger zwar nicht der älteste, aber auch kein junger Mann mehr. Er konnte sich nicht- wie die Generation der zwischen 1885 und 1900 Geborenen- auf eine Jugend in der Avantgarde der zwanziger Jahre berufen; er war kein überzeugter Parteigänger der Nationalsozialisten gewesen wie mancher der Gleichaltrigen, die sich auf eine Solidarität des Schweigens einigten; aber er war auch nicht so jung wie die Wilden von der "fotoform" oder "subjektiven fotografie", obwohl er stilistisch exakt in deren Welt paßte. Was ihm blieb, war eine Zwischenexistenz- zwischen Stilen und Stühlen, zwischen Aufträgen und Freiem, zwischen Anspruch auf Kunst und handwerklich perfekter Realisation, zwischen alternativen und etablierten Technologien. Kaum ein Werkkomplex macht dieses mehr deutlich als die "Rhythmogramme", für deren zuverlässige Erstellung er eine komplizierte Maschine ersann, die jedoch immer unter der unüberbrückbaren Differenz zwischen einer mechanischen Automation im Herstellungsprozeß und einer immateriellen Figuration im angestrebten Bild litt.

Eine weitere Eigenart sorgt aus heutiger Sicht für die schwierige und singuläre Rezeption von Heinrich Heidersberger im Zusammenhang einer deutschen Photographiegeschichte. Es ist die von ihm selbst nie genau vollzogene Grenzziehung zwischen Auftrag und Kunst, zwischen Freiheit und Disziplin. Er hat immer beides in beidem gewollt- perfekte Technik mit geringsten Mitteln und höchstem Anspruch bei genauer Kenntnis des künstlerischen Kontextes. Die Lockerheit eines Bert Brecht, für den "erst das Fressen und dann die Moral" kam, hat er nie gehabt, auch nicht im Hinblick auf den freien Umgang mit geistigem Eigentum, den jener pflegte. Heidersberger mußte immer alles selbst erfinden, mußte sich seiner Arbeitsmittel und Bildleistungen selbst vergewissern, mußte die Form und Organisation seiner Präsentation selbst bestimmen. Das Resultat dieser Selbstreflexion kann nur ambivalent beschrieben werden: Was erst die hohe Qualität der Bilder ermöglichte, verhinderte zugleich deren durchschlagenden Erfolg. Denn keine Photographie von Heinrich Heidersberger erschließt sich auf den ersten Blick, quasi im Vorbeigehen. Er hat auch kein Thema, keine Farbe, keine stilistische Eigenart, mit der sein Name unauflöslich verbunden ist- zum Glück nicht.

Insgesamt steht die Aufarbeitung einer Geschichte der deutschen Photographie nach dem Zweiten Weltkrieg noch allzusehr am Anfang, als daß eine gesicherte Aussage getroffen werden könnte. August Sander und Albert Renger-Patzsch haben die ihnen zustehende und heute selbstverständliche Wertschätzung zu Lebzeiten nicht mehr erfahren. Robert Häusser, Herbert List und Otto Steinert waren die großen Heroen ihrer Zeit, und deren Stern ist seit einem Jahrzehnt kontinuierlich gesunken, um anderen strahlenden Erscheinungen Platz zu machen. Inzwischen sind viele neue und alte Leuchten am Firmament deutscher Photogeschichte fest etabliert, und für Heinrich Heidersberger wird es auch nicht mehr lange dauern, bis ihm ein fester Ort zugewiesen wird. Wollen wir hoffen, daß er es noch erlebt.

 

 

Einleitung

Eine Biographie soll eigentlich die Übersicht einer Chronik vermitteln, aber ich möchte hier zumindest gelegentlich einen Stilbruch begehen, dem somit auch nicht mehr der Verdienst der Betitelung einer Biographie zukommt. Beobachtung und Erkennen von Zusammenhängen wäre wohl zutreffender. Der Kontext, in den viele der Begebenheiten, Kontakte und Anekdoten gehören, nimmt sich häufig unzusammenhängend zum Zeitgeschehen aus.

Heinrich Heidersberger selbst ist wichtig. Sein Gesamtwerk, welches kein spezielles Thema umfaßt, zu erkennen und darin zu lesen wie in einem Buch, das ist mein Anspruch, den ich mit dieser Zusammenstellung verfolge.

Ich muß an eine der Schilderungen Heidersbergers denken, wenn er mir von den Assoziationen der Impressionisten im Konflikt der damaligen ausklingenden 20er Jahre in Paris erzählt. Eine ganz ähnliche Konfrontation macht sein Schaffen und sein Oeuvre aus. Und zwar handelt es sich hierbei um die Schilderung, der "salles refusées"- was für die Impressionisten eine Nichtanerkennung ihrer Ausdrucksform in der Malerei bedeutet. Auch Heidersberger soll in einem Gesamtüberblick über sein Schaffen ein nicht zur Genüge anerkannter Photograph bleiben, der das Handwerk mehr noch als von der Pike auf beherrscht und diverse Entwicklungen, Neuerungen und Erfindungen in und zu diesem Sujet mit beiträgt. Heidersberger, dessen Interesse an der Photographie in der Pariser Zeit (1928-31) erwacht, begibt sich auf dieses Terrain vorerst nur aus einer Not, denn er mußte, um seine gemalten Bilder zu dokumentieren Reproduktionen von ihnen machen, und so lichtete er sie ab. Zur Entwicklung gibt er sie einem Photographen, aber als er sie völlig schwarz, trotz Hinweise zurückbekam, löst das nicht nur ohnmächtige Wut in ihm aus- er sagt sich auch, daß er dieses Ergebnis wohl ebenso gut selbst erzeugen könnte, zumal er über laienhafte Grundkenntnisse verfügt. Er fängt an zu experimentieren.

Ich möchte von meinen Begegnungen mit Heidersberger im Wolfsburger Renaissanceschloß, in dem sich seine Dunkelkammer sowie sein Atelier befinden erzählen, und versuchen die Euphorie, mit der er Geschichten zu erzählen weiß ähnlich widerspiegeln. Ich möchte mit der Wachsamkeit berichten, um seinem durchweg interessanten Leben gerecht zu werden.

An den erforderlichen Stellen, die als markante dieses Lebens hervortreten, möchte ich anekdotenhaft das Erlebte mitteilen und es, sofern Bildmaterial zur Veranschaulichung zur Verfügung steht auch untermauern.

Katy V. Michel

Detaillierte Biographie unter folgenden Kriterien:

1.Kindheit

Heinrich Heidersberger wird als Sohn von Maximilian und seiner Frau Marianne (geb. Nicoladoni, 1876) am 10. Juni 1906 in Ingolstadt geboren. Es ist die Zeit kurz nach der Russischen Revolution, die mit ihrem in allem gipfelnden "Blutigen Sonntag" Einfluß auf das gesamte weitere Weltgeschehen nimmt. Der Generalstreik in Odessa und die Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin werden Heinrich Heidersberger in Verlauf seines Lebensweges in Form einer frühen Verfilmung in Paris begegnen. Noch heimlich wird er als Zeuge dem Zeitgeschehen einer zensierten Welt-"weisheit" den filmischen Szenen, in Begleitung von Ida Kar, auf dem Dachboden auf ein leinernes Bettuch geworfen, folgen.

Heinrich Heidersbergers Vater war Offizier und stammte gebürtig aus dem schwäbisch-bayerischen Raum rund um Heidenheim. Die Erinnerungen an ihn bleiben verschwommen aber nicht unwesentlich. Er stirbt bereits 1911. Es hinterbleibt das Bild: beide gehen in die Werkstatt, sie wollen etwas "werkeln". Als Zeugnisse dieser Leidenschaft gelten noch Jahre später die Kinderspielzeuge. In dieser handwerklichen Versiertheit sieht Heidersberger eine Art genetische Veranlagung. Die stete Neugier, das Tüfteln ist schon früh zu einem permanenten Behelf geworden, der zeitlebens anhält.

Auch die Geschehnisse der Zeit nimmt er als Knabe schon peripher auf, sei es, daß Graf Zeppelin sich mit seinem Luftschiff auf den Weg macht oder ob es um das Überfliegen des Ärmelkanals durch Louis Blériot geht.

Österreich selber unterteilt sich streng in zwei Lager das monarchistische und das preußentreue römisch-katholische, welches von den Habsburgern stark beeinflußt wird. Die deutsch-nationalen verkörperten hierbei das Gegenteil der Sozialdemokraten, eben des gehobenen Bürgerstands. Die Nicoladonis sind eine solche bürgerliche Familie aus dem gehobenen bürgerlichen Stand. Der Großvater, Dr. Alexander Nicoladoni ist Rechtsanwalt und Vorsitzender der kulturellen Vereinigung von Juristen, die sich "Die Namenlosen" nennen. Er hat vier Töchter, wobei Marianne, Heinrichs Mutter, die jüngste ist. Ihr Anspruch ist es, daß Heinrich möglichst deutsch-national erzogen werden soll, und so wird ihm Bismarck schillernd präsentiert, wie er ihn späterhin nie annehmen wird.

In Ingolstadt bleiben die Heidersbergers nicht lange, denn noch vor dem frühen und unberechenbaren Tod des Vaters 1911 wird er im Rahmen seiner militärischen Laufbahn nach Ludwigshafen versetzt. Maximilian Heidersberger gilt, den mütterlichen Erzählungen nach, nicht als für die Militärlaufbahn geeignet, er sei zu sensibel und sehr sanftmütig gewesen. Dennoch gibt es zur Jugendzeit des Vaters noch immer den Ritus, daß, wenn in einer Familie mehrere männliche Nachkommen sind, einer der Söhne in den Militärdienst einzutreten hat. So bleibt auch ihm nur die traditionsreiche Unterordnung. Die Eltern Heinrich Heidersbergers lernen sich in Linz kennen, wo die Militärs damals grenzüberschreitende Freundschaftsbesuche zu Manövern machen. Hier lebt die Mutter Heinrich Heidersbergers, Marianne, mit ihren Eltern. Der Vater wird zum Major berufen, was, nach seinem frühen Ableben, zu einer besseren Rente der Mutter führt, die dennoch späterhin den Beruf der Hebamme erlernt.

Heidersberger hat eine weitere Erinnerung, vielmehr ein verschwommenes Bild vor sich, welches ihn sich an seinen Vater erinnern läßt, und dieses ist in Heidelberg, wo er einen riesigen Weinkeller sieht und die Stadtbahn, aber eine wahrhaftig personenbezogene Erinnerung, hat er nicht mehr.

In das Todesjahr des Vaters fallen auch die Marokkokrise und die Revolution in China. Tolstoi schreibt "Krieg und Frieden"- und in all diese Geschehen siedelt die Mutter mit ihren zwei Söhnen (Heinrich und Friedrich, der zwei Jahre jünger ist) über nach Linz, in den Kreis ihrer elterlichen Familie. Über den Schulbesuch, den Heinrich Heidersberger hier bis zum Abitur absolviert, sind anekdotische Erzählungen erhalten. In Linz eingeschult, besucht er die Volksschule und das im provisorischen Bau in einem Hintergebäude der Sparkasse untergebrachte Realgymnasium. Er erinnert sich seines netten und sympathischen Lehrers Kieninger, der sehr moderne Erziehungstheorien anwendet, und so werden wochenweise spezielle Themen tiefgründig erarbeitet. Er erinnert sich aber auch an unangenehme Lehrer, und dazu zählt u.a. sein damaliger Deutschlehrer Huemer, der u.a. Adolf Hitlers Lehrer gewesen ist, und der Onkel Heidersbergers, so erzählt man ihm, sei angeblich der Französischlehrer Hitlers gewesen. Nachweisbar sei dies durch existierende Zeugnisse und Dokumente über Bewertungen, die in seinen Unterlagen seien. Heinrich Heidersberger tritt, 14-15-jährig dem Bund der "Wandervögel" bei. Er weiß es genau zu datieren, ist er doch zu dieser Zeit in die Tochter der Untermieterin im Hause seines Großvaters Herta verliebt. Diese Bewegung bringt ihm den Horizont des wildwüchsigen Überlebens nahe, da man fast ausschließlich draußen ist. Die Zugehörigkeit wird ihm in nützlich, da die Leute sehen, daß seine Interessen andere sind als die der wohlerzogenen akribischen Wiener Kinder der Reichen. Seine Vorlieben gehen in die Richtung der Naturwissenschaften. Er hat einen ausgeprägten Sinn für alles, was in der Natur vor sich geht, und setzt sich auch mit der Amateurastronomie auseinander. Durch den "Wandervogel" ist er sehr selbständig. Er kann kochen, wohnt bei Bauern, wo er im Heu schläft- und ist en gros eigentlich recht anspruchslos.

In den Kriegsjahren wird man sich den Schrecknissen der Gewalt nicht so bewußt. Die Gemeinschaft der Jugend lenkt ab und auch die Errungenschaften dieser Zeit fesseln. Sei es, daß die Marskanäle durch einen italienischen Astronom entdeckt werden, die erste Diesellokomotive ihren Betrieb aufnimmt, Niels Bohr seine Abhandlungen über den Atombau oder Einstein seine Relativitätstheorie verfaßt.

 

2. Jugend, Dänemark - Konfrontation und Auswirkung

Viel wichtiger als seine Linzer Schulzeit ist Heidersberger seine erlebte Zeit als verschicktes Wienerkind nach Dänemark, um genauer zu sein: nach Lemvig. Die Wienerkinder gelten als humanitäre Einrichtung zur Regeneration der Kriegskinder. Da in Wien am Ende des Ersten Weltkrieges große Hungersnot herrscht wird vom kulturell interessierten Dänemark diese Kinderhilfsaktion ins Leben berufen. Sie beinhaltet, daß die Kinder die Sommer in Dänemark verbringen und in Familien integriert werden. Eigentlich würde Heidersberger als deutscher Staatsbürger nicht zu dieser Hilfsaktion "ausgeguckt" worden sein, aber sein Status des Halbwaisen kommt ihm hier zur Hilfe. Ohne verabredete Pflegeeltern zu haben, kommt Heidersberger 1918 am Limfjord an. In Dänemark unternehmen sie während zahlreich folgender Ferien Zeltwanderungen, er lernt Schwimmen und Radfahren, man geht Fischen und das eine oder andere Mal schnitzt Heidersberger auch Lettern in der Buchdruckerei des Bruders seines Pflegevaters. Die Ferien sind manches Mal auf zwei- bis drei Monate verlängert worden, so daß er hier auch zur Schule geht. Es sind gemischte Klassen und anders als in Linz nehmen sich die Pausen hier aus. Es erscheint ihm so viel lebendiger. Dadurch, daß Heidersberger eine breitgefächerte humanistische Bildung mitbringt, die ihm Kenntnisse im Lateinischen und ihn auch aus der klassischen Literatur zitieren läßt, kann er sich aktiv am Unterricht beteiligen.

Über diesen sein Leben prägenden Einfluß gibt es folgende Notiz, die selber aus der Feder Heidersbergers stammt, und zwar rückblickend aus dem Jahre 1990:

"Nach dem letzten Hunger- und Rübenjahr des ebenso wahnsinnigen Kriegsjahres (1918), wie die der Inflation, brachte ein Zug unterernährte Kinder, pauschal "Wienerkinder" genannt, in ein kleines Dänemark, das sich traditionsgemäß aller, von ihr unverschuldeten Opfer von Kriegen annimmt. Der Leiter der "Kinderhilfsexpedition" hatte Listen mit Wünschen nach Pflegekindern, spezifiziert nach Alter, Geschlecht, Haarfarbe, vielleicht Konfession. Mir selbst, weder aus Wien, noch überhaupt österreichischer Nationalität, auch damals schon der Eigenbrödler, gefiel die Methode, sich in die Reihe zustellen, um zugeteilt zu werden, gar nicht, so war ich in der letzten Station der jütländischen Lokalbahn, - die so lokal war, daß man den Lokomotivführer beim bevorstehenden Abgang des Zuges bitten konnte, doch auf das Eintreffen von Frau Jensen, Nilsen oder Andersen zu warten, die eben die steile Söndergade hinaufhechelten, - übrig geblieben. Die fürsorgliche Hand des Schicksals, noch in vorphotographischer Funktion, hatte den gütigen Bruder meines späteren Pflegevaters auf den Bahnhof geleitet, so daß er mich für diesen ersteigern konnte.(...) Mein Pflegevater, damals angestellter Pharmazeut in Lemvig, später selbständiger Apotheker in der kleinen Stadt Skibby auf Sealand, pflegte jeden Donnerstag, seinem freien Tag nach der Nachtwache, die Runde zu den Antiquitätenhändlern oder zu Auktionen dieser Branche zu machen. So wurde die moderne Etagenwohnung am Strandboulevard bald zu klein für die Akquisitionen seiner einzigen Leidenschaft, in der ja auch im Sommer die 3 "Wienerkinder", zu Besuch in den Ferien seit den Inflationsjahren und Hunger nach dem so dumm angezettelten Ersten Weltkrieg. Meinen Protest gegen den Auszug aus der so praktischen modernen Wohnung quittierte er mit einem dänischen Sprichwort, "daß Abwechslung Freude mache" und so übersiedelten wir mit dem schweren Renaissancetisch und seinen papierdünnen Chinesischen Teetassen vom Strandboulevard nach dem Stadtteil Hellerup in eine Villa am Strandvej, zwar in das Untergeschoß, aber es war ein wunderschönes Anwesen mit Garagen, Garten und Gartenhäuschen, nicht weit vom Öresund. Die Inhaber, er der Juniorchef und Ingenieur der auf der ganzen Welt repräsentierten Firma Hellensens Enke & V. Ludvigsen, sie eine bekannte Bildhauerin, hätten meinen Pflegevater sicher nicht in ihr Haus aufgenommen, hätten sie ihn nicht in ihr eigenes Bildungsniveau und die gleichen kulturellen Interessen eingeordnet. Börge Ludvigsen war der Sohn des Erfinders der Trockenbatterie, sein Vater war ein Protagonist des Automobil - Tourismus. (...) Der Sohn Ludvigsen war ein eifriger Photoamateur, hatte eine der heute ausgestorbenen Rolleiflex - Apparate 4x4 cm und eine Dunkelkammer im oberen Stock der Villa, in der ich meine ersten bezahlten Aufträge von Aufnahmen in der Fabrik meines Gönners und späteren Freundes ausarbeiten konnte. Ich selbst hatte eine Spiegelreflex Camera von Zeiss Ikon und eine der frühen Leicamodelle, mit der ich später, als ich nicht mehr in Ludvigsens Haus, sondern jung verheiratet, in der Altstadt Kopenhagens wohnte, dort eine Aufnahme von den typischen Kopenhagener Fahrradboten mit immensen Schatten in der klaren skandinavischen Abendsonne gemacht.(...)."

Skandinavien wird von Heidersberger als "Teil seines Schicksals" hervorgehoben. Nichts würde existieren ohne seinen Kontakt zu Dänemark. Die ganze Lebensgeschichte wäre wohl sogar eine gänzlich andere. Mehrere Sommer verbringt er in dem ihm immer vertrauter werdenden Kreis des Pflegevaters Ulrich Hesbek, des Bruders Holger und der dazugehörigen Freunde. Heidersberger bekommt enorme Eindrücke, die ja auch seinem erblichen Gut folgen. Er erinnert sich an den Besitz einer großen schwarzen Anodenbatterie, "heute arbeitet man mit Lichtstrom von 220 Volt in den USA mit 110 Volt in allen Bereichen. Die Transformatoren sind in der Lage umzuwandeln, so daß die Trockenbatterien ihre Nützlichkeit verloren haben", weiß mir Heidersberger zu erklären.

Er lebt mit seinem Bruder Friedrich und dessen Schulfreund Walter Dietze im Kreise dieser familiären Anbindungen und verlängert so manches Mal die Schulferien.

Die intensiven Anregungen zur Physik, Astronomie und diverser Experimente bekommt er hier, denn Thöger Larsen, ein Freund des Pflegevaters zeigt ihm wie man z.B. ohne große Kosten astronomische Fernrohre selber baut, hierfür braucht es nur ein optisches Brillenglas von 1/2 Dioptrin (2000mm Brennweite), ein Papprohr und für die andere Seite eine Lupe, das ergibt ein Fernrohr mit dem man vor allem Mondbeobachtungen ganz vorzüglich durchführen kann. In Linz baut er diese Konstrukte nach. Er hat das Fernrohr, zum Leidwesen der Nachbarn, auf dem Dachboden stehen. Diese sind in Sorge, weil im Winter die Kartoffeln erfrieren, da das Fenster stets offensteht. Ein anderer Import aus Dänemark ist der Rundfunk, also die Anfänge des Radios. Heidersberger nimmt sich als einer der ersten Radioamateure in Linz aus, und perfektioniert diesbezüglich seine Kenntnisse mit Hilfe einer dänischen Zeitschrift, die die Prinzipien des Rundfunks erklärt. Heidersberger baut, aus dem Gelesenen folgernd, in Linz Detektoren - Empfangsapparate. Diese sind für den Hausbesitzer wieder dadurch störend, weil sehr lange große Antennen benötigt werden, die er quer über den Hof von einer Hauskante zur anderen in Form einer Hochantenne spannt. In Dänemark selber empfängt und hört er stets den Nachrichtensender "Kalundborg", einen starken Langwellensender, der ihm die Sprache bis zum Perfektionismus eintrichtert. Das Interesse am Rundfunk bleibt bestehen, so daß er auch seine Abiturarbeit späterhin hierüber schreibt.

Heidersberger, in seinem experimentellen Geschehen nicht zu bremsen, baut auch ein Eskimokajak, und zwar dies in einer Zeit, in der es noch keine gummierten Stoffe gibt, aber auch hier weiß er sich zu helfen, geht er doch, in der Nähe des Wandervogelstützpunktes, zu einem Bauern und ergattert sich "Bauernleinen", welches er imprägniert. Sein Drang zu Provisorien mag hierher stammen. Man lebt und überlebt in der Natur, legt sich eine "rauhe Haut" zu.

Heidersberger sagt selbst: "So greift mein Leben in Dänemark sehr stark in meine Erziehung, in meinen noch formierbaren Zustand der Jugend ein."

Die technischen Experimente verfeinert er immer weiter und gibt seine Kenntnisse später in Wolfsburg an der Volkshochschule Kurse u.a. mit Anleitungen zum Bau von Fernrohren weiter.

In diesem Rahmen macht Heidersberger auch die Bekanntschaft von Börge Ludvigsen. Der Pflegevater, dem die Räumlichkeiten des Strandboulevard selber zu klein werden, zieht in die Unteretage des großräumigen Hauses von Ludvigsen, über den Heidersberger folgendes in Erinnerung hat:

"Börge Ludvigsen, 6 Jahre älter als ich, mit einem abgeschlossenen Studium in England und Deutschland, mit einem großen Grundbesitz in Jütland mit Bauernhäusern, Wassermühle, Jagd und Fischerei. (...) (Er) ist sicher mein wichtigster und bedeutendster Freund. (...) Im Olympiade-Jahr ´36 verabredeten er mit mir, der ich nicht einmal ein eigenes Telefon hatte und nur über "R"-Gespräche mit meinen erst beginnenden Geschäftsverbindungen kommunizierte, daß er mich von der Leipziger Messe aus über ein, für dieses Ereignis eingerichtete Fernseh-Telefon-Verbindung anrufen würde, um dieser neuen Errungenschaft der Kommunikationstechnik teilhaftig zu werden. So seh ich denn, von einem Postamt aus, wahrscheinlich Leipziger Platz, in einer dafür eingerichteten Zelle, meinen Gönner, Photo-Freund, Angehörigen eines Landes, das mir so viel gebracht hatte, daß ich seine Sprache erlernt hatte, auf einem Bildschirm, nicht ganz so klar wie den Nachrichtensprecher heute, aber doch gut erkennbar, und sprach mit ihm Dänisch oder etwas, was er in seinen Geburtstags-Tischreden, anerkennend "Naesten Dansk" nennt, vor mehr als einem halben Jahrhundert. [...] aber mich, der ich einer der ersten Radioamateure Österreichs war, als man "honeycomb"-Spulen selbst wickelte und improvisierte Stecker noch nichts mit Bananen gemein hatten, in Deutschland eine "Audion-Versuchserlaubnis" die heulenden Rückkopplungen bändigen sollte, der ich ein halbes Jahr lang Trichterlautsprecher geprüft und in dieser Radiofabrik als Praktikant Spulenwickelmaschinen konstruiert hatte, faszinierte (dereinst) nicht nur (Vater) Ludvigsens Fabrik mit Versuchen in der Radiobranche und der Herstellung dieser schwarzen Anodenbatterien in der Größe von 2 Ziegelsteinen (...)."

Diese Dänemarkbegeisterung soll anhalten und der Kontakt zu allen hier geschlossenen Freundschaften ebenfalls. So intensiviert sich der Kontakt zur Schulfreundin Ester Andersen, der Tochter eines Arztes. Sogar in Heidersbergers Zeit des Parisaufenthaltes, ist Ester als aupair-Mädchen hier in die Familie eines Komponisten.

3. Ausbildung, Wunsch und Traum. Manifestation eines grobgesteckten Ziels

Zunächst überwiegt noch der Wunsch und Drang all den wissenschaftlichen Eindrücken und Erfindungen einen Nenner zu verleihen, und so schreibt Heidersberger sich für das Studium der Architektur in Graz ein. Um dieses Fach belegen zu können, muß er ein Praktikum vorweisen, welches er ein halbes Jahr lang in Dresden bei der Firma "Koch & Sterzel" absolviert. Dies erscheint Heidersberger historisch so interessant, weil es sich hierbei um eine der ersten Radiofabriken, die hochwertige Radiogeräte produzieren, handelt. Daneben gibt es noch Braun in England. Der Inhaber, hier Koch selbst, ist Musiker und Geiger. Er entwickelt Lautsprecher mit großen empfindlichen Empfängern mit Transformatoren, die die Wellen in unverzerrten Wellen runterfahren, das stärkt u.a. die eingehenden Radiosignale. Es sind trichterförmige Lautsprecher und Spulenwickelmaschinen, die hier vorrangig konstruiert werden. Diesen Ingenieur haben die Heidersbergers in einem Sommer während des Krieges, den man im Bayerischen Wald verbringt, kennengelernt. Koch und sein Freund, die diese Transformationsfirma in Dresden besitzen, bleiben in Kontakt mit der Familie, auf deren Freundschaft später zurückzugreifen sein wird. Im Zuge dieses Praktikums wird Heidersberger sich alsbald darüber im klaren, daß ihm die praktischen Verfahren in diesem Métier weitaus vertrauter sind als die theoretischen Berechnungen, die die Mathematik und Baustatik fordern würden.

Dem Praktikum bei Koch & Sterzel schließt sich noch ein weiteres in der Baufirma Kremeyer in Linz an. Es ist ein Maurerpraktikum, welches widerum für das Studium gefordert wird. Die Verbindung zu dieser Firma ist so entstanden, als daß Heidersbergers Mutter die Frau von Kremeyer entbunden hat.

Mit dem angestrebten Studium der Architektur will Heidersberger die technische Tätigkeit mit einer schöpferischen, kreativen vertauschen. Die Architektur erscheint ihm als das Naheliegendste. Die Technische Universität in Graz wird von nationalen Burschenschaften stark dominiert, so daß es ungemütlich wird für jemandem, der sich einer dominant aufoktroyierten Form der Mitgliedschaft kaum eingliedern will. Überhaupt werden die Zustände in Deutschland langsam extremer und unangenehm. Die Hitlerjugend formiert sich und auch die Arbeiterunruhen in Österreich machen das Klima nicht anziehendswert. Immerhin scheinen die künstlerischen Bestrebungen nicht einzuschlafen, denn die Bandbreite von Büchern und Filmen steigert sich. So erscheinen z.B. "Der Zauberberg" von Thomas Mann, die "Ulysses" von Joyce und Jean Cocteau kommt mit seinem "Ödipus Rex" auf den Markt.

Anderthalb Semester studiert Heidersberger die Architektur, bis er feststellt, daß ihn vorrangig der Kunstunterricht und hier primär das Aktzeichnen interessiert. Es fraktioniert sich eine Truppe um Heidersberger zu der Zak, Schwarz und Lohnauer gehören. Sie werden beschimpft als die "Verlotterten Liederlichen". Lohnauer, der sich als einziger auch einer Burschenschaft anschließt, bringt in einem Duell seinen Widersacher um. Dieser "Unfall" geht vor Gericht und Lohnauer wird freigesprochen, weil alle Schöffen Burschenschaftler waren. Er bringt späterhin seine ganze Familie aus Euthanarsie um.

Heidersberger entschließt sich kurzerhand nach Paris zu übersiedeln, um sich in der Malerei aus- und fortzubilden, und dies unter den fingerfertigen Anleitungen Fernand Légers, der am Jardin du Luxembourg eine private Malschule unterhält. Finanziell wird dies mit von seinem Pflegevater getragen, da die Majorspension der Mutter bei weitem nicht ausreicht.

 

 

 

4. Paris; Malerei und Exzentrik bis hin zur Weltwirtschaftskrise

Heidersberger kommt 1927 nach Paris und bleibt bis zur Weltwirtschaftskrise 1931. Währenddem wird der "Schwarze Freitag" 1929, mit den Folgen des Zusammenbruchs der New Yorker Börse zum Gesprächsthema, neben großartigen kulturellen Ereignissen wie z.B. der Eröffnung des Museum of Modern Art in eben jener Stadt.

Auch der Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh wird er gewahr, zumal sich Heidersbergers eigener Aufenthalt direkt an dieses Ereignis anschließt, und Lindberghs Landung in den Caféhäusern Zeichen und Verewigungen gesetzt sind, auf die er stößt.

Die Vielseitigkeit, die das Pariser Leben neben der Malschule liefert, ist enorm und zerstreut. Der Meister ist so gut wie nie anwesend und somit der Drang Heidersbergers selbst anwesend zu sein auch nicht so ausgeprägt, so bildet er sich autodidaktisch in der freien Malerei. Es gibt freie Klassen, in denen der Malunterricht mit einem Modell aber ohne Professor abläuft- hier lernt er. Später sagt er selber, daß er als Maler "alles Mögliche ausprobiert habe". Die Bewegung des Surrealismus mit all ihren großartigen Vertretern ist in Paris ganz präsent und allgegenwärtig. Ihrer Kunst entlehnt Heidersberger auch wesentliche Eindrücke, die in seine Werke einfließen. In der Zeit des Aufenthalts in Linz und in den holländischen Malle Molen in Den Haag entstehen Bilder unter eben dieser Nachwirkung Paris´. Es sind surrealistische Bilder, von denen ein Erhaltenes z.B. "Die Geburt der Gedanken" heißt.

Die pittura metafisica gilt als nicht unwesentlich für weiterführende Versuche und Inhalte. Lebt Heidersberger zunächst mit seinem Linzer Schulfreund Eduard Zak in der Rue Vaugirard im Hôtel Dorian, so wird von der Concierge das Zusammenwohnen von drei Personen in einem kleinen Zimmer wie diesem untersagt. Vielleicht vermutet man auch Unzucht, ist die Konstellation doch: Zak, Heidersberger und Olive Scott. Die englische Krankenschwester, mit der Heidersberger hier während des kältesten Winters in Paris zusammen ist, leiht sich in einer finanziellen Misere einmal von E. Hemingway, mit dem sie in der Rue Mouffetard, wohin sie alsbald ziehen, auf Nachbarschaft wohnen, 700 Francs, die er Zeitlebens nicht zurückverlangt. Der Winter ist so kalt, daß sogar das Wasser im Waschkrug gefriert und das Heizen durch den Backofen, zu den man sich nicht einmal Kohlen leisten kann, mit vom Vermieter unterstützt wird. Die Äußerlichkeiten dieser Behausung sind typisch für das Paris dieser Zeit und trotzdem zahlen sie 350FF für ein 40qm-Zimmer. Sie ziehen von der Rue Mouffetard in das Atelier in der Rue Perrier 18, hier sind die Bodendielen von Ratten durchfressen und Heidersberger wird erfinderisch, um ihnen Einhalt zu gebieten. Ein Gemisch aus Gips vermengt mit Glassplittern wird kunstvoll in die Löcher manövriert.

Das Überleben in Paris ist unglaublich günstig. Man kann den ganzen Tag in Cafés verbringen und keiner zwingt zum Konsum. So ist es nichts außergewöhnliches, daß einige der Künstler gar keine Bleibe haben, sich nachts in den Cafés, von denen einige immer geöffnet sind, rumdrücken, und in Ateliers von Freunden und geschlossenen Bekanntschaften hausen. "Montparnasse ist die ganze Nacht offen"- sagt Heidersberger aus der Erinnerung heraus, sowie: "Das Leben in Montparnasse ist doch sehr geprägt von den mehr oder minder armen Künstlern, die sich durchs Leben schlagen."

Heidersberger und Zak lernen als aufgeschlossene junge Künstler mit interessiertem wachem Geist bald viele andere Freischaffende kennen. Zak, der sich selber der Literatur und den Übersetzungen vorsurrealistischer Werke und hierbei vornehmlich Lautréamonts "Les Chants de Maldorodor"(1868/69) hingibt, und umtriebig ist, bringt auch Heidersberger in Kontakt mit Künstlern und Angehörigen dieser Kunstbewegung. Die Contes de Lautréamonts gelten als Bibel der Surrealisten. Heidersberger kommt über Zak in Verbindung mit Breton und Aragon, aber eher flüchtig. Man liest Musils einflußreiches Werk "Der Mann ohne Eigenschaften" oder auch Remarques "Im Westen nichts Neues". Heidersberger vermutet hinter der Bewunderung der Surrealisten für seinen Freund Zak selbst, daß er bei den Bouquinisten klaute und sich offensichtlich damit profilierte. Die bekannten, oft erst im Nachhinein großen Künstler kennenzulernen ist in Paris gar nicht so leicht, ihnen zu begegnen oder sie lautlos zu beobachten ist problemlos. Es gibt regelrechte Fraktionen. Treffen sich die Literaten in dem einen Café so sind die bildenden Künstler oder Philosophen andernorts anzutreffen. Heidersberger trifft Yves Tanguy, ja war sogar mit ihm befreundet, denn dieser besucht ihn häufiger in seinem Atelier. Er lernt Karl-Heinz Pepper kennen, er ist der Sohn eines großen Pianofabrikanten und entwirft später das Berliner Europa-Center. Während der Krieges sollen die Kontakt zueinander verlieren, aber schon bald wieder durch Zufall, durch einen Artikel über die Architektur des Centers, aufeinander verwiesen werden. Heidersberger schreibt ihm. Mit Piet Mondrian ist er, aufgrund seiner Liebe und dem Gefühl der Angezogenheit zu skandinavischen Gefilden, gut bekannt. Es gibt hier in Paris einen Club, der von einer Frau begründet und betrieben wird, und der sich zur Aufgabe und zum Inhalt macht, Künstler zu betreuen. So treffen sie sich viele hier.

Der größte Einfluß auf Heidersberger und auf seine eigene Kunst geht von Giorgio de Chirico aus, dem er auch späterhin, zu seinem neunzigsten Geburtstag, ein Denkmal dafür statuiert. Zunächst entwirft er noch, seien es Tapeten mit den wilden Mustern der damaligen Zeit oder Federstrichzeichnungen gar manches Mal in der Manier und Ähnlichkeit Picassos. Die Entwürfe der Tapeten entstehen für eine Designfirma, die diese weiterverkaufen. Er verkauft auch eins seiner gemalten Bilder auf der Butte am Montmartre, erinnert er sich.

Der Pflegevater, der in den sechziger Jahren stirbt, kommt ihn hier besuchen. Sie schlendern über den Marché aux puces, wo ihm der Pflegevater einen unförmigen Holzkasten als erste Kamera schenkt und somit dort die Leidenschaft und den Ehrgeiz entfacht. Zu dieser Holzkamera baut er sich gleich einen Adapter, so daß er auch kleinere Platten einlegen kann.

1925, noch vor Heidersbergers Parisaufenthalt, kommt die erste Leica-Kamera auf den Markt. Er selbst ist noch ein paar Jahre davon entfernt sie sich leisten zu können, oder auch das Bestreben zu haben mit den versuchstechnischen Ansätzen bereits "den" Berufswunsch in sich zu spüren, mit dieser Kamera zu operieren. 1928 hält er erstmals die Leica in den Händen, die ein Freund sich zulegt. Er selbst kauft seine erste Leica (Nr. 7222) in Berlin und erinnert sich im Rückblick (der Nutzungsgedanken), daß er die Heinkel-Flugzeugwerke noch mit der Holzkamera photographiert habe, denn hierbei ein gutes Weitwinkelobjektiv zu haben ist das wichtigste.

Als Maler folgt er der Verpflichtung in dieser Zeit seine Bilder zu Ausstellungs- und Repräsentationszwecken als Reproduktionen oder Druckvorlagen für Kataloge vorzuweisen. Er photographiert sie, und läßt sie entwickeln, allerdings wird sein Ehrgeiz durch die falsch belichteten Platten durch den Händler entfacht. Dies geht dem sich anschließenden autodidaktisch beigebrachten Kenntnissen voraus. Hinzu treten die Fähig- und Fertigkeiten, die er schon in Dänemark in der Dunkelkammer von Ludvigsen sammeln konnte. Heidersberger erinnert sich in Paris an ein photographisches Fachgeschäft in der Rue Vavin, dies ist der Ort des Geschehens- hier wird die Autodidaktik hinsichtlich des Selbstentwickelns entfacht, nachdem die Platten auch in Bereichen schwarz sind, wo das Licht gar nicht hinkommen kann, nämlich unter der Pfalz.

Bald darauf kann er sich durch die Anfertigung von Aufnahmen für andere Künstler und Auftraggeber finanzieren und hängt die Malerei mehr und mehr hinten an. Mit Ida Kar und anderen Freunden geht er zu Photoausstellungen und beschäftigt sich mit der Geschichte der Photographie sowie den aktuellen und bekannten Photographen. Mit Atget oder Man Ray, die sich schon einen Namen gemacht haben. Man Ray ist für Heidersberger kein direkter Porträtphotograph, aber er habe die Möglichkeit gefunden, etwas darzustellen, was eben überraschend war. Man muß etwas präsentieren, was noch niemand gesehen hat. Auch mit dem modernen, aufkeimenden Medium des Filmes beginnt Heidersberger sich auseinanderzusetzen. Hierbei werden ihm Filme, wie die des Regisseurs Luis Buñuel zum bewunderten Vorbild. In Paris lernt Heidersberger bei einem Essen mit Existenzialisten bereits oben erwähnte Ida Karamjan kennen, die später, selbst durch Heidersberger angeregt, großen Bekanntheitsgrad als Porträtphotographin mit dem Namen Ida Kar erlangt und in Ostberlin und Moskau ausstellt. In ihrer Biographie heißt es:

"Ida met a young German surrealist painter and photographer, Heinrich Heidersberger. To Heidersberger, the twenty-two year old Ida was a striking figure, dark-haired and dark-eyed - exotic. She seemed to him to be 'a young girl, almost a teenager' and their friendship grew and prospered as the 1920s drew to a close.

Ida had arrived in Paris when the city was at its most excitingly international, and when its position as centre of the arts was unrivalled. Some six years before Ida's arrival from Alexandria, the young American Sylvia Beach had published (in 1922) the first edition of James Joyce’s Ulyssees, and by the late twenties, the best of European and American writing and painting was available to all through the medium of adventurous small magazines. Eugene Jolas's periodical, Transition was only one way in which new Paris residents might see the work of artists like Man Ray, Kurt Schwitters and Max Ernst. Huge innovations were taking place throughout the arts. Audiences had given an enthusiastic reception to Luis Bunuel's film "Un Chien Andalous", and both Ida and Heinrich Heidersberger had been present for its first showing at the house of the Surrealist group in Studio 20 at the rue du Chateau.

It was in Paris in the late twenties that Ida first became aware of the potential of photography. After their initial meeting, a friendship of strength and intensity grew between Ida and Heinrich Heidersberger, and eventually, they became lovers, sharing an apartment on the rue Perrier in Montrouge. Heidersberger had 'begun to make reproductions with a wooden camera bought at the fleamarket', and, with Ida looking on, he 'exposed the plates to the moonlight which entered through the glass roof', and then made contact prints. Ida herself recalled, many years later, that she first became intrigued by photography when she acted as a model for Heidersberger during these first experiments. Together, they visited photo exhibitions, and could not have failed to be aware of the new modernism in photography emanating from Germany, and enthusiastically received in Paris. Seminal German books like Karl Blossfeldt's "Urformen der Kunst" (1928) and Werner Graff's "Es kommt der Neue Fotograf" (1929) were readily available to Parisian enthusiasts. By the time that Ida had arrived in the city, Andre Kertesz had already held his first one-man show at the Sacre du Printemps Gallery (in 1927), and Berenice Abbott had shown her influential Portraits Photographiques. In 1926, the future photodocumentarist Walker Evans arrived in Paris from the United States for a year's study at the Sorbonne, and at Vogue magazine, Lucien Vogel was influencing a whole generation of young photographers. At the very centre of photographic activity was Man Ray, the pioneering experimentalist who had made his first Rayogram in Paris in 1922, and who numbered among his students in the twenties Berenice Abbott and the British photographer Bill Brandt. Also in Paris from the mid-1920s were Paul Outerbridge, Horst P. Horst, George Hoyningen-Huene, and, from 1929, the documentarist Brassai, whose seminal study of Parisian street life, Paris by Night was published in 1933."

 

Heidersberger photographiert, von Ida Kar begleitet, auf einem Atelierfest Henry Millers. Diese Feste sind oft laut und heftig und bleiben Heidersberger als rauschend im Gedächtnis. Die Musik röhrt aus einem Grammophon, ohne daß es bis dahin eine elektronische Verstärkung gibt. Man tanzt Charleston und Tango dazu. Miller regt stets zum allgemeinen Entsetzen an, so daß von 100 Leuten auf derlei Festen nurmehr 20 überbleiben, die sich mit seinen extravaganten Szenen bestens auskennen. Das unmoralische Treiben verscheucht- entsetzt, aber dafür ist nun Alkohol, der für 100 Personen berechnet ist für 20 greifbar und es wird so schlimm und laut, daß einheimische Franzosen, die den Ort des Geschehens passieren, darauf aufmerksam machen, daß bereits die gesamte gegenüberliegende Häuserfassade beleuchtet und die Bewohner erwacht sind, und die ganze Bande riskiere, aus Frankreich ausgewiesen zu werden. Heidersberger, der zu dieser Zeit noch mit den Augen eines Malers photographiert, beobachtete das wilde Treiben, welches ungehemmt, exzessiv und unter starken Alkoholeinfluß vor sich geht. Die Prüderie, zum heute offiziell Erlaubten, kontrastiert sehr stark. Freiheit gilt als Schlagwort schlechthin- die Bälle in Montparnasse z.B. unterliegen sogar der Polizeiaufsicht, denn es ist nicht eben selten, daß splitternackte Frauen aus den Räumlichkeiten heraustreten. Es gibt enorm viel Prostitution. Auf diesem Atelierfest beim Bildhauer, welches ursprünglich schon ein recht demoliertes Lokal, mit einem großen Loch in der Mitte ist, um welches man Plastiken drapierte, damit die Gäste nicht hineinfallen, verschießt Heidersberger ein halbes Pfund Magnesium, während er versucht alles abzulichten. Die Explosionen sind so gewaltig, daß er eine Viertelstunde nichts mehr sehen kann. Heinrich schenkt Ida zum Abschied 1931 eine Charlie Chaplin Assembly, welche später zum Erkennungs- und Wiederfindungsobjekt werden soll. Denn, verlieren Ida und Heidersberger sich hier 1931 aus den Augen, so begibt sie sich später mit einer Photographie dieser Assembly auf die Suche nach ihm. Sie will dieses Photo an den deutschen Universitäten aushängen, um so nach Heidersberger zu fahnden und nur ein Zufall führt sie noch vor der Ausführung dieser fixen Idee wieder zusammen. Dies fällt in die spätere Braunschweiger Zeit.

5. Linz als Übergang für weitere Aktivitäten in der Künstlerkolonie der Malle Molen

und Übersiedlung nach Kopenhagen

Im Juli 1931 ereilt das Banken- und Börsenwesen der "Totalzusammenbruch". Alles schließt, und in Folge dieser weltweiten Wirtschaftskrise wird auch das Leben in Paris schwieriger. Heidersberger geht zurück in die heimatlichen Regionen der mütterlichen Gegend nach Linz. Die Adresse lautet wie die der Kindheit "Promenade 31". Er empfindet diesen Aufenthalt als unangenehm, denn trotz der gut erhaltenen örtlichen Kulisse, haben sich die Menschen stark verändert. Er gründet und betreibt gemeinsam mit dem ausgezeichneten Puppenspieler und Dramatiker Franz Pühringer ein literarisches Kabarett, welches sie die "Thermopylen" nennen. Und dies, weil es so klein und eng ist, daß sich unwillkürlich der Gedanke an den Paß, an dem die Griechen sich gegen die Perser verteidigten aufdrängt. Die Besetzung des Kabaretts umfaßt Gretl Burgasser, Zak und Stiegler. Es befindet sich auf dem Linzer Hauptplatz im Keller des heutigen und auch schon damals existierenden Gasthauses "Wolfinger". Jeden Abend laufen hier Veranstaltungen, wo Lieder Bert Brechts gesungen werden, obwohl dieser schon am Rande des politischen Abgrundes steht. Sie selbst sind auch politisch links orientiert und richten sich so gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Die Schauspiele Pühringers haben bereits Bekanntheitsgrad. Selbst Inszenierungen im Wiener Burgtheater hat er schon gehabt. Pühringer schreibt die Gedichte- und Theaterstücke selber und Heidersberger bringt seine surrealistischen Anmutungen der Malerei mit ein, indem er die Bühnenbilder entwirft. Somit setzt sich seine Tätigkeit als Maler in Linz doch noch fort, aber gleichzeitig entwickelt sich die Photographie zum Leitthema. Der Bruder Fritz baut ihm, als technisch Versierter, einen Vergrößerungsapparat, den er im heimatlichen Badezimmer betreibt. Da die räumlichen Begebenheiten sehr begrenzt sind, entwickelt und vergrößert Heidersberger auf der Klobrille sitzend auf einem Holzrost, welches der Badewanne aufgelegt ist. Darauf stehen die Schalen mit den Flüssigkeiten. Er belegt das Bad- und die gesamte Familie kann es nicht nutzen! Im Anschluß werden die fertigen Bilder in der Küche an die Fensterscheibe geklebt, zum Trocknen. Am nächsten Morgen sind sie dann als Hochglanz auf den Boden gesegelt. Seine Ausrüstung ist immer sehr primitiv aber richtig, so kauft er z.B. sein Weitwinkelobjektiv in einem Secondhandshop am Berliner Bahnhof für 9,- DM. Heidersberger hat niemals photographische Technik, sondern immer nur sein photographisches Wissen verwendet und seine persönlichen Erfahrungen. Nur so ist es ihm möglich mit diesen einfachsten Mitteln eine Menge, für ihn das bestmöglichste, heraufzubeschwören.

Diese gesamten Erfahrungen sind für ihn konstruktive, welche er mit nach Holland nimmt, nachdem die Thermopylen nur ein halbes Jahr Bestand haben.

Es folgt die Abfahrt nach Den Haag. Giesegen, der Freund der Pariser Kolonie hat den Kontakt zwischen den dortigen Freunden aufrechterhalten und will sie nun in Holland wieder vereinen. Hier treffen Ludwig Hohl, Giesegen, Eduard Zak und Heidersberger mit ihren jeweiligen Frauen oder Freundinnen in den Malle Molen aufeinander. Es ist eine Hinterhofsiedlung, die bescheiden aus gemauerten zweigeschossigen Reihenhäusern besteht, in denen ein Alkoven zum Schlafen eingelassen ist. Hier frönen sie ihrem künstlerischen Dasein in der Surename-Laan Straat. Heidersbergers bekanntes Photo der "Schaufensterpuppen"entsteht, auf welchem sich im Hintergrund Den Haag spiegelt. Es spielen sich unsagbare Anekdoten ab, die zu erzählen Heidersberger nicht müde wird. Um ein wenig näher das Vierergespann: Ludwig Hohl, Giesegen, Eduard Zak und Heidersberger zu beschreiben, möchte ich auf einige der skurrilen Geschichten eingehen, die auch einen Eindruck des Lebens untereinander geben. Heidersberger sagt, daß Hohl ihm der kurioseste von allen ist. Er wohnt, während des Malle Molen- Aufenthaltes, im hintersten Haus und macht stets Streifzüge durch die Gaststätten Den Haags. Seine Freundin Nora hat einen Verehrer, der Architekt ist, und der auch Aufträge und Arbeit für Heidersberger hat. Immer ist er geneigt, sich mit Alkohol zu beleben. Einmal heißt es Heidersberger solle in jenes oder dieses Gasthaus kommen, wo Hohl mehr oder minder gelangweilt aber sturzbetrunken sitzt. Diese und andere Botschaften werden stets durch einen Boten überbracht, der Zettel übergibt- inhaltlich oft dramatisch bis zum Höhepunkt stilisiert, es ginge um Leben und Tod. Was sein Temperament angeht, hält Hohl nicht hinterm Berg. Einmal schmeißt er seine leichte Reiseschreibmaschine mitsamt Chassi aus Aluminium aus dem Fenster. Dazu bewegt ihn das Verlassen einer seiner Geliebten. Heidersberger glaubt, daß es dabei um Nora geht. Vom bastlerischen Ehrgeiz geweckt, fragt er Hohl später, was mit der Schreibmaschine geschehen sei, die ihm einst diagonal gestaucht in die Hände fiel, und die er wieder instandsetzt. Hohl läßt ihm, wieder durch einen Boten mitteilen, "daß die Maschine erst in 2, dann in 3 Teile zerfallen sei!"

Corry, Heidersbergers spätere erste Frau, lernt er auf einer Ausstellung kennen- sie gilt ihm als eine Intellektuelle mit einem schäbigen Beruf, aber dazu später.

Interessant ist auch die erste Begegnung zwischen Hohl und Corry. Hohl werden die persönlichen Freunde immer vorgestellt. Beim Besuch von Heidersberger und Corry in den Mittagsstunden bei Hohl und seiner Lebensgefährtin, heißt es ihrerseits, daß er noch gar nicht aufgestanden sei, was für ihn um diese Uhrzeit auch gar nichts Verwunderliches ist. Er inszeniert seinen Auftritt dahingehend, daß er innerhalb des Hauses, die Katze an einem Strick gebunden am Treppengeländer herunterläßt, die sein baldiges Kommen ankündigen soll. Eine andere Geschichte ist die, wo seine Freundin von seinen Manieren schwärmt und erzählt, wie genau er mit dem Essen ist usw., Hohl etwas genervt, reagiert mit einer erneut temperamentvollen Geste, denn er schleudert das Schnitzel mit der Gabel an die Zimmerdecke. Nicht daß er es damit auf sich beruhen läßt, nachdem er die Gläser vollgeschenkt hat, wirft er die leere Flasche durch das geschlossene Fenster, welches in tausend Teile zerbricht und sagt nur profan: "Und die ist jetzt auch überflüssig!"

Man muß sich all diese Extreme bei einem wohlbehüteten Pastorensohn vorstellen, den der Pfaffenhaß nur so in die Wiege gelegt war. So sagt er beim Aufeinandertreffen mit gottesfürchtigen Pfarrern z.B.: "Belieben Hochwürden Einen mit mir zu heben?" Heidersberger hält Hohls Art für künstlerischen Exhibitionismus. Er ist schriftstellerisch tätig, wobei seine Bücher nie ein großes Publikum bekommen, dafür erreichen sie hohe Kritik. Nach dem Aufenthalt in Den Haag geht Hohl zurück in die Schweiz, wo er weiter schreibt.

Der Freund Giesegen, der die vier in Den Haag vereint hat, will eigentlich Filme machen. Hierfür gründet er eine AG und verkauft Aktien für dieses Unternehmen, welches ja nicht wirklich besteht. Aber der Wille ist doch da! Giesegen, der die Sowjetunion besucht, bringt interessante Anregungen mit, die auch für so manche Anekdoten auf den Malle Molen sorgen. Ursprünglich ist er Graphiker und frönt der, für seine Freundin entsetzlichen Idee, 13 Kinder in die Welt setzen zu wollen. Seine Frau muß bei den geldzurückfordernden- Wütenden-in-Aktien-Geld-Anlegenden das Hausmädchen spielen, die ihren "Mynheer" verleugnet, obwohl er natürlich sehr wohl im Haus ist. Die Spur Giesegens, der in Holland bleibt, nachdem Hohl, Heidersberger und Zak Den Haag verlassen, verliert sich leider. Es ist nicht sein richtiger Name!

Mit Eduard Zak (*7.12.´06) verbindet Heidersberger wohl das längste freundschaftliche Beisammensein. Zak, ist böhmischer Abstammung, und noch weiter zurückgehend gehört die Familie dem Adel an (Bechinie von Lhaza mitsamt Anwesen). Er ist Heidersbergers Linzer Schulfreund. Zusammen sind sie in Paris und teilen Interessen sowie Freunde. Der Philologe hat nie promoviert und seine weitere Lebensgeschichte, über den Rahmen hinaus, der uns hier interessiert, ist eine eher dramatische. In der Pariser Zeit ist er Kommunist wie es die Surrealisten sind, denen er angehört, d.h. zumindest bis zum Stalinismus, dann haben sie mit der Kommunistischen Partei gebrochen. Äußerlich paßt es gar nicht zu Zak Surrealist zu sein, er ist so zimperlich, so unsportlich und ein enormer Raucher. Am Tag des Kriegsausbruchs lernt er seine zukünftige Frau Annegret Auer kennen, die für Heidersberger im Verlauf eine große Rolle spielt, denn bei ihm zu Hause ist nicht großartig gelesen worden und hierfür ist Annegret nun eine große Anregerin. Sie ist in Berlin in einem Buchhandel angestellt und gibt ihm Proust und Joyce zum Lesen.

Zaks Vater hat Jura in Prag studiert, weshalb auch Zak es studieren soll. Unter dem Druck der elterlichen Gewalt beugt er sich schmerzverzerrt. Aber es hat ein Gutes, denn nachher geht er seiner Leidenschaft nach, wenn es auch sein Schicksal bleiben wird, daß er im Osten Deutschlands lebt. Auf einer Photorückseite von Eduard Zak vermerkt seine Frau, die selber promovierte Autorin ist, 1998:

"Hier dieser tiefdenkende hochbegabte Eduard Zak, der seine Lebensjahre ab 1950 (Besuch der Stasi, hohe Angebote, die Eduard Zak) mit kategorischen NEIN zurückwies. Man legte ihn bis zu seinem Tode am 15.Mai 1979 an die Sklavenkette der Übersetzung. Belletristische sowohl für Zak wie für mich Annemarie Auer erhielt keinen Kriegsvertrag. Beider Autorschaft wurde vernichtet."

Diese holländische Periode der Malle Molen zieht sich mit Unterbrechungen bis 1935 hin, denn unterdessen lernt Heidersberger seine erste Ehefrau Cornelia Botter kennen und heiratet sie 1935 in Kopenhagen.

In Dänemark zu heiraten war sehr einfach, denn man benötigt nur zwei Zeugen. Diese Rolle übernehmen der Pflegevater und seine Cousine. Die Heirat findet im Rathaus statt. Die Kosten betragen damals umgerechnet zehn- oder zwanzig Pfennig. Dafür wird Heidersberger sogar noch angeboten die Formalitäten des Standesbeamten ins Deutsche zu übersetzen.

Corry wird ihm die Mutter seiner ersten drei Söhne: Börge (geb.1937 in Berlin), der heute als Betriebsleiter von NSM, einer Spielautomatenfabrik in Bingen lebt, Anton (geb.1939), der in Basel als angestellter Florist in einem Blumenladen Geschäftsführer ist und Gerhard (geb.1941), der in Miami als Photograph lebt und wirkt. Die Söhne haben alle Namen von nahestehenden Freunden Heidersbergers erhalten. So ist Börge nach dem dänischen Freund benannt. Anton erhält seinen Namen durch den ersten Mann der sehr guten Freundin Heidersbergers Margaret Hordyk. Er ist ein Künstler, Tänzer, Maler gewesen, aber die Ehe hielt nicht lange. Sie verläßt Amerika, wo sie übergangsweise hingeht, und heiratet ihren zweiten holländischen Mann: Gerhard Hordyk, der dem dritten Sohn den Namen verleiht.

Das Bleiben in den Den Haager Malle Molen ist nicht möglich, die politischen Zustände werden immer angespannter, zudem die Beziehung zu Corry nicht unproblematisch vonstatten geht. Ihre Eltern sind nicht gerade begeistert vom "Deutschen" Heidersberger, der ohne besondere Güter mitzubringen, in diese Familiensphäre eindringt. Taktisches Vorgehen ist gefragt, und so arrangieren sie es, daß Heidersberger von der Fremdenpolizei des Landes verwiesen wird. Der Grund, den sie anführen ist: er gelte als politisch gefährdet und seine surrealistischen Bilder sind ein Zeugnis dafür.

Heidersberger selbst umschreibt es wie folgt: "Ich wurde verhaftet und mit einem Polizeigeleit nach Deutschland verfrachtet, lebte kurze Zeit in Düsseldorf, wo das bekannte Bild "Promenade" entstand". Düsseldorf gilt ihm als nächstgrößere Stadt an der Grenzstation Wesel/Rhein. Hier erinnert er sich, nur ein paar Tage geblieben zu sein. Auch beruhigen sich Corrys Eltern späterhin, weiß heidersberger zu berichten. Mit der Schwester Corrys, die die beiden in Berlin besucht, ist er häufiger Schlittschuhlaufen.

Heidersberger beginnt sich Gedanken über die Zukunft zu machen: Das dritte Reich ist "ausgebrochen" und in Deutschland will er nicht bleiben. Er siedelt über zu seinem Pflegevater nach Kopenhagen über. Nach ein paar Wochen kommt auch Corry, die als Telefonistin in Den Haag arbeitet. Erst wohnen sie beim Pflegevater am Strandboulevard, und nachdem die Wohnung zu klein wird ziehen die beiden in ein kleines Zimmer in der Kopenhagener Laederstraede. Der Vermieter des kleinen möblierten Zimmers ist ein Vogelhändler, ein sehr merkwürdiger Mann namens Elesø. Über ihn gibt es einige Anekdoten zu berichten, hier nur ein Extrakt: Er geht z.B. beim Verlassen des Hauses durch seine Frau, auf die er stets eifersüchtig ist, ein paar Schritte hinter ihr her, und sobald sie von einem Mann angesprochen wurde, feuerte er 3x mit einem Platzpatronenrevolver auf den Widersacher. Das gilt Heidersberger als charakteristisch für den Elesø. Ist es bis dahin recht gemütlich in dem Zimmer, so verfällt der Elesø-Vogelhändler auf die Idee, um sein Portemonnaie etwas aufzustocken, die Möbel der vermieteten Zimmer zu verkaufen. Die Mieter seiner Zimmer, die ansonsten nicht viel Kontakt zueinander haben, schließen sich zusammen, mehr um sich auszutauschen als um gegen ihn zu agieren. Eine Frau, von der bekannt ist, daß sie ihr Geld auf zwielichtigste Art verdient sagt nur lakonisch zu Heidersberger: "Na, wenn´s mir nur mein Hurbrett lassen....".

Nach dieser Räumungsaktion wird es unbehaglich, trotzdem bleibt er mit Corry anderthalb Jahre in diesen engen Verhältnissen, von wo aus auch das berühmte Photo der Fahrradkuriere, die den langen Schatten werfen aus dem Eckfenster heraus, entsteht.. Diese Laederstraede befindet sich parallel zur Stroget (Strich), die erste Fußgängerzone der Welt.

Heidersberger hat zu dieser Zeit eine Zeiss- Spiegelreflex- Kamera 6x9, in die man von oben auf den Spiegel schaut und die für Platten und für Filmpacks geeignet ist. Er photographiert viel in der Altstadt von Kopenhagen, u.a. die Tätigkeiten der Fischfrauen im Hafen oder hinunter vom Runden Turm, und zwar durch das verschnörkelte Gitter, welches die Initialen von Christian dem Vierten trägt. Christian IV, der als Erbauer Kopenhagens gilt, hat ein tragisches Lebensschicksal hinter sich, und dennoch sind überall in Dänemark seine Spuren zu finden, weiß Heidersberger zu berichten.

Für ihn ist späterhin interessant, wie sich Dinge und Ereignisse immer wieder miteinander verquicken, z.B. basieren die Aufnahmen für die Serie: "Augen so groß wie Mühlräder", auf einem Wortspiel in einem dänischen Märchen, in dem es heißt: "Augen so groß wie der Runde Turm". Es sind Makroaufnahmen von Insekten, die später in der Berliner "Koralle" gedruckt werden. In dem Kopenhagener Runden Turm war dereinst die Sternwarte, ein riesiges Observatorium, eines bekannten dänischen Astrologen.

In Kopenhagen hat Heidersberger keine konkreten Aufträge zu Photographieren, so lichtet er, neben ein paar Werbauafnahme für die Batterien von Hellensens Enke, ohne Aufträge ab.

 

6. Berlinaufenthalt Arbeit für Ullstein und Scherl

1936 kehrt Heidersberger trotz vieler Bedenken nach Deutschland zurück, u.a. auch, um nicht die Staatsangehörigkeit zu verlieren. Er wohnt zunächst bei seinem Bruder in der Straße Nummer 50 mit der Hausnummer 5 in Berlin. Fritz arbeitet als Ingenieur in der Versuchsanstalt für Luftfahrt in Atlashof. Für Heidersberger geht es nun um eine Themenfindung auf kulturellem Niveau, er will auf keinen Fall Produktwerbung machen- und so unterstützt er sein kulturelles Wissen mit regelmässigen Besuchen z.B. im Grassi-Museum in Leipzig, wo häufig Kunsthandwerkermessen stattfinden, und wo aktive Künstler ausstellen. Er bietet seine Bilder und Serien unterschiedlichen Illustrierten an. Hierzu zählt auch die bereits oben erwähnte Zeitschrift "Koralle", die im Ullstein-Verlag erscheint, auf deren Titelblatt Heidersberger einmal Hanne, die Tochter von Börge Ludvigsen verewigen kann. Da die Themen, die er für die "Koralle" photographiert naturbezogene sind, entstehen in dieser Zeit viele andere Ablichtungen, die späterhin bekannt werden. Zu alledem stellt er ab 1937 in den jährlich erscheinenden Bildbänden 'Photographies' und in der Zeitschrift 'Arts et Metiers Graphiques' Bilder der Öffentlichkeit zur Schau. Zeitgleich photographiert er in der Siedlung Leegebruch, nördlich von Berlin, für die Bildhauerin Hilde Broer ihre gefertigten Keramikhauszeichen, die in Formen von Tieren an die Häuserwände der neuentstehenden Siedlungen angebracht werden. Auch in der Oranienburger Siedlung, die der Architekt Prof. Dr. Rimpl mitkonzipierte, hängen derlei Hauszeichen für Hausnummern, die Heidersberger u.a. auch für Frauenzeitschriften freiberuflich ablichtet, und die später dem Architekt in der Gesamtheit der Darstellung: "Haus und Kunst" oder auch "Kunst am Bau" ins Auge fallen. Sie kommen in Kontakt. Prof. Dr. Rimpl, der als der ehemalige Assistent von Hitlers Hausarchitekt Albert Speer gilt, und der gerade die Planung und Bauleitung für das Flugzeugwerk Oranienburg von Ernst Heinkel übernimmt, ist für Heidersberger eine vielversprechende Adresse, denn Rimpl Image als Architekt ist schon nicht von ungefähr. Prof. Dr. Rimpl beauftragt Heidersberger dann auch mit der gesamten photographischen Dokumentation der dortigen Fabrikbauten und Siedlungsanlagen für ein Buch, das kurz vor dem Zweiten Weltkrieg erscheint. Seine Aufnahmen vermitteln vom Flugzeugwerk, wie von allen späteren Bauten, immer mehr als nur eine Ansicht. Dies ist Heidersbergers erster großer Auftrag, und er erwirbt vielseitige Kenntnisse, die ihm in der Zukunft hilfdienlich werden sollen. Schon früh schleichen sich, die bis heute typischen Erkennungsmerkmale ein: Der durch Infrarotaufnahmen bis ins Schwarze hin abdriftende Himmel und die durch die vielfältigen Grautöne schwer zu erfassende Tiefe. Heidersbergers Ruf als Architekturphotograph besiegelt sich.

7. Kriegsausbruch; Beruf und Entwicklung eines festen Métiers

1939 rückt näher und damit der Krieg. Heidersberger ist für die aktive Kriegsteilnahme zu alt und so wird er in den "Stahlwerken Braunschweig", die rüstungstechnisch eine große Rolle spielen, als Industriephotograph eingesetzt. Zunächst befindet sich die Verwaltung in einem provisorischen Holzbau, "Holzpalast" genannt. Beim Brand dieses Bau verbrennen alle Unterlagen, die Heidersberger in Berlin phototechnisch reproduzieren muß, wo sie archiviert abgelegt sind. Im Anschluß entsteht für den "Holzpalast" ein Klinkerbau. Heidersberger selber agiert und produziert mit seinem Büro und seinem Labor im Tischlereigebäude in

Halle 18. In diesem Jahr erscheint das erste düsenbetriebene Flugzeug der Welt, die "HE 176" von Ernst Heinkel, die eine ganz neue technische Errungenschaft darstellt.

Als Leiter der Bildstelle hat Heidersberger das erste Mal Gelegenheit, systematisch alle photographischen Techniken auszuprobieren, denn alle denkbaren Gerätschaften stehen ihm hier zur Verfügung. Das Gute, was ihm hier im Stahlwerk vorteilhaft erscheint, ist, daß die Arbeit fachorientiert und seine Abteilung nicht politisiert ist. Die Dominanz der NSDAP ist gering und die KZ-Arbeiter, die hier eingesetzt werden, haben eher den Kompensationscharakter der fehlenden deutschen Soldaten, die durch sie ersetzt werden.

Heidersberger experimentiert und dem "Heil Hitler"-Gruß kann er stets entgehen, hält er doch einfach immer eine Kamera in der Hand, die es ihm unmöglich macht den Gruß zu erwiedern. So kann er außerhalb dieser Schande innerlich leben. Heidersberger hat mit diversen Nationalitäten, die als Zwangsarbeiter hier sind, zu tun, was seiner mondialen Aufgeschlossenheit nur den Horizont erweitert. Einer der Zwangsarbeiter, ein Franzose, der im Rahmen der Bewegung "Chantier de la Jeunesse" in den Stahlwerken ist, wird zu einem guten Freund, und ist es noch heute. Robert Empérauger, ein junger Student wird vom Leiter einer anderen Abteilung für seine als zu überqualifiziert, an Heidersberger verwiesen. Er wird letzterem dadurch sympathisch, daß er sich als Bastler entpuppt, der ein Empfangsgerät konstruiert, in sein Kopfkissen einnäht, Informationen abhört und weitergibt. Ferner ist er so gebildet, daß er Heidersberger das Neueste aus der Pariser Kunst- und Kulturszene berichtet.

Trotz des Krieges und des Weggebombtseins des Schloßes in Braunschweig finden kulturelle und künstlerische Veranstaltungen in den Galerien statt, bei denen Heidersberger den Norweger Erik Hesselberg kennenlernt, der hier eine Ausstellung hat. Der damalige Kunst- und Kulturdezernent ist so begeistert, von Hesselbergs Bildern und Aquarellen, daß er diese Ausstellung fördert, obwohl seine Motive nicht ununstritten sind. Dieser Kulturdezernent ist den Hesselbergs später bei der Ausreise behilflich. Erik Hesselberg geht nach dem Abitur zur See. Er treibt sich überall herum, nur nicht zu Hause, weiß mir seine Witwe Liss Hinsen zu erzählen. Er geht nach Hamburg auf die Kunsthochschule und von dort direkt nach Braunschweig, wo er als Schaufensterdekorateur arbeitet. Er ist fasziniert von dieser Stadt, die vor dem Krieg noch eine komplette Hanse verkörpert. Heidersberger besucht die Hesselbergs kurz nach der Bekanntschaft auf dieser Ausstellung in dem denkmalgeschützten Haus in einer Kemenate am "Langen Hof"- gan z in Domnähe.

Liss und Erik lernen sich 1941 in Braunschweig kennen und verloben sich noch im selben Jahr. Sie üben beide den Beruf der Dekorations- und Gebrauchsgraphiker aus, und Liss übernimmt Hessebergs Arbeit zur Zeit des Krieges. Die Freundschaft zwischen dem Paar und Heidersberger wird eine enge, kämpft sich letzterer doch z.B. nach einem Bombardement auf die Stadt durch die Trümmer, um sich davon zu überzeugen, daß den Hesselbergs nichts geschehen ist. Erik ist auch in den Stahlwerken tätig, ist er doch für die Zeichnungen des Skizzenbuchs zuständig, welches sie dem Direktor Geilenberg zu seinem fünfzigsten Geburtstag schenken wollen.

1945 reisen die Hesselbergs aus nach Norwegen. Der Briefverkehr ist während des Krieges und der Nachwehen weitesgehend unmöglich. Trotzdem gelingt es Heidersberger zumindest die Verbindung zu Liss´ Eltern in Düsseldorf aufrechtzuerhalten, und sie von ihrem Wohlergehen zu unterrichten. Dies gelingt ihm durch die Vorteilhaftigkeit seiner Tätigkeit als Dolmetscher. Er gibt die Post den Offizieren mit, die sie aus dem Ausland aufgeben.

In Norwegen bekommt Hellselberg mit seiner Steuermannskompetenz die Möglichkeit geboten, der verrückten Idee des Kontikifahrers Thor Heyerdahl zu folgen und nimmt dies, nach nicht allzu langem Zaudern, an. Ungeachtet der gerade im fürchterlich kalten norwegischen Winter geborenen Tochter, macht er sich 1947 auf den Weg nach Lima, zunächst mit dem Zug, dann mit dem Schiff, dann mit dem Flugzeug. Von hier aus soll die Reise, nachdem sich drei, der später sechs Leute umfassenden Besatzung der Kon- Tiki, zum Bau des Flosses aus Balsaholz einfinden. Kon-tiki, dieser Name entwickelt sich als Name einer Gottheit, die zwischen der höchsten, der Sonne und dem Volk stand und auch in der polynesischen Sage heißt einer der Götter Tiki. Er war der größte, den es auf diesen Inseln je gegeben hat. Heyerdahl geht der Frage im Vorfeld der Reise, woher die Polynesier stammten lange Jahre nach und kommt zu dem Schluß, daß sie aus Südamerika stammen müßten. Er folgert auch, daß Kon-Tiki in Peru und der Tiki auf den Polynesischen Inseln ein und dieselbe Person sind. Er schreibt sogar eine ganze Abhandlung hierüber. In Lima, im Hafen der Kriegsmarine, bauen sie nach Zeichnungen von alten Spaniern ein Floß aus Balsa, welches später mit den Schleppern der Marine unter großem Jubel der anteilnehmenden Bevölkerung, mitsamt Papagei und Vorräten und einem Radiofunkgerät aufs offene Meer gezogen wird. Sie leben 101 Tag in der einzigen keinen Hütte auf dem Floß und lassen sich treiben. Sie stranden auf einer kleinen Insel, die in fünf Minuten umschreitbar ist, und funken hinaus in die Welt, was mit ihnen geschieht. Auf Anweisung werden sie vom französischen Regierungsschoner nach Tahiti geleitet- die Kon-Tiki, beschädigt, im Schlepptau. Noch neute ist das Floß im Kon-Tiki- Museum bei Oslo ausgestellt und sagenumwoben. Hesselberg ist durch diese Fahrt nicht ganz so berühmt geworden wie Thor Heyerdahl, aber als Navigator gilt er während der Fahrt als unentbehrlich. Hesselberg schreibt und skizziert die ganze Reise.

7. Kriegsausbruch; Beruf und Entwicklung eines festen Métiers

In dieser Position in den Stahlwerken ist Heidersberger bis 1945. Er gilt als Werksphotograph und Prof. Dr. Rimpl registriert, zu den darzustellenden Pointen der Aufnahmen hinzutretend, auch den hohen ästhetischen Anspruch Heidersbergers in seinen Bildern. Er, der seit 1939 hier ist, photographiert die Entstehung der Hallen, denn zur Zeit seines Antritts ist hier noch nichts als grüne Wiese, und so heißt denn auch das Projekt: "Grüne Wiese".

Die Bauphase ist das Entscheidende und für Heidersberger das vorrangig Interessante. Erst langsam werden es die Produktionsstätten zur Herstellung u.a. von Granaten. In der Halle 16 werden Bomben und Granaten gefertigt- dort sind auch die KZ-Leute. Zum Kriegsende hin wird diese Halle, ausgekundschaftet durch Spione, doch noch zerbombt. Heidersberger hat u.a. mit einer 16mm Rollei-Kamera gefilmt, und zwar geht es hier primär um das Luftschutzsystem der Natriumdampfbleuchtung der Hallen und die grünen Gläser, die verhindern, daß Licht herausgelangt. Charlotte Berger (geb. 1913), die seit 1941 hier ihren Kriegsdienst ableistet geht Heidersberger bei all dem zur Hand. Sie wird ihm, und das erst kürzlich, die dritte Ehefrau. Charlotte kommt aus einer Dresdner Drogerie mit anhängendem Photogeschäft, denn eigene Photogeschäfte gibt es bis dahin nur vereinzelt, dafür war die Photographie im Privatgebrauch noch nicht weit genug verbreitet.

Aber Heidersberger lernt hier auch Wadja, eine junge exotische Libanesin kennen, mit der er ein Verhältnis hat, und aus deren Bindung der Sohn Pierre entspringt, den Heidersberger bis heute nur von frühen Kinderphotos kennt, die Wadja ihm einmal auf der Durchreise, wo sie sich treffen, präsentiert. Später wandern sie nach Kanada aus, wo sie noch heute leben.

Corry ist mit den Kindern während des Kriefes nach Österreich, nach Windischgarsten evakuiert (hier entsteht auch das Photo, auf dem sie am Wasserfall sitzt). Heidersberger, der zu dieser Zeit einmal in Linz zu photographieren hat, und diese Fahrt mit Frau Maßenberg, einer Photographin, die ebenfalls im Werk angestellt ist, begeht, wird, liebend mit Kuchen und Blumen von seiner Ehefrau im Hotel aufgesucht. Er selber ist gerade nicht da, und als Corry feststellt, daß er mit der Photographin ein Zimmer teilt, dringt sie in das Zimmer ein, stellt ihm liebevoll Kuchen und Blumen hin und zerschneidet die Kleider der Widersacherin in 1000 Fetzen. Soviel sei an dieser Stelle über ihr Temperament Corrys gesagt.

Sind zunächst die Amerikaner im Stahlwerk, so übernimmt es später die britische Armee. Sie haben sich dafür interessiert, was Heidersberger photographiert hat und wollen die Apparate, Formate und alles erklärt bekommen. Aus dieser Haltung heraus beginnt Heidersberger mit den privaten Aufnahmen der Soldaten. Sie können nun Souvenierphotos nach Hause schicken.

Er hat eine kleine Photostelle, eher eine Amateurphotoversorgung sichergestellt, und zu dem Zeitpunkt, wo die Soldaten abziehen, kann er mit Hilfe Charlottes zumindest einige Teile seiner photographischen Ausrüstung, mit denen er im Werk photographierte, auf die Seite schaffen. Charlotte schmuggelte es regelrecht hinaus, gibt sie doch bei freundlichen Engländern, für die sie noch einmal eine Nacht hindurch entwickelt, und die sie mehr oder minder zum Dankeschön oder völlig übermüdet nach Hause fahren, vor, daß sie noch ein paar Kleiderkisten hätte, die sie gerne mit nach Hause nehmen wolle. In ihnen hat Heidersberger eine Notration an notwendigen Kameras versteckt. So kommt es, daß die Engländer ihr, nichtssagend , die Kisten auch noch in den Keller schleppen.

Heidersberger, der Ausgebombtwerden (trotz Einmannbunkers) und ähnliche Traumas hinter sich gebracht hat- z.B. ist auch die Zugfahrt nach Braunschweig kein Vergnügen, fahren die Züge doch ohne Beleuchtung, um kein Ziel, in einer Zeit, in der fortwährend Fliegeralarm gilt, zu bieten. Er hat nichts mehr an persönlichen Dingen. Dank der Schmuggelaktion kann er wenigstens weiter arbeiten, denn eine Sinar und eine Leica sind gerettet.

Die Franzosen müssen im Anschluß an den Krieg repatriiert werden- alle aus dem Salzgitterbereich sollen nach und nach wieder zurückgeschickt werden. Die Betriebsleiter werden alle zusammengepfercht und nach Wolfenbüttel zum Verhör abgeführt. Heidersberger steht in dieser Zeit unter dem Schutz des Zwangsarbeiterfreundes Empérauger, der ihn in den Tross der Zwangsarbeiter einschleust. In Braunschweig und Wolfenbüttel sind noch immer Zurückzufürhrende, die Zeiten überbrücken müssen, bevor es zum Abtransport geht. Es sind ja Hunderttausende, die zurückzuführen sind. In Wolfenbüttel wird Heidersberger ob seiner hervorragenden Sprachkenntnisse im Englischen, die er Olive Scott während seines Paris-Aufenthaltes verdankt, Dolmetscher für den Bürgermeister. Mit einem, der bei ihm in den Stahlwerken beschäftigten Zwangsarbeiter, einem Italiener, der mit einer Reederei einen Vertrag gemacht hat, daß er ein Photoatelier auf einem Kreuzfahrtdampfer einrichten dürfte, fährt Heidersberger dreimal mit- von Bremerhaven bis nach Halifax, Kanada und New York. Sie lichten die Gäste ab und führen abends die Farbdias vor, um sie zu verkaufen. Zum einen sind die Reisenden deutsche Emigranten, zum anderen amerikanische Touristen, die auf dem Weg in die Karibik vorzugsweise nach Caracas und Venezuela sind.

Im Anschluß läßt sich Heidersberger in Braunschweig nieder, wo er wiederum als Dolmetscher bei den Royal Engineers, einer Pioniergruppe mit Ingenieuren, die die Werke wieder einrichten, arbeitet, denn für diese Installation brauchen sie Übersetzer, die z.B. Formulare und Anträge übersetzen.

Lakonisch wirft Heidersberger hin: "Da wurden aus den Ami-Matrazen die Tommy-Matrazen". Die Bezahlung geht häufig in Naturalien vor sich, in Tee Zigaretten und derlei mehr!

Zum Ende des Krieges hin, entsteht die Reportage "Morgentau über Deutschland", die photographisch die technische Abrüstung Deutschlands darstellen soll. Heidersberger lichtet hierbei Schafe ab, die vor einem Hochofen friedlich im Grün grasen. Deutschland wird als Agrarland dargestellt und die Industrie, vor allem die kriegstechnische, tritt in den Hintergrund. Es ist in der Phase der beginnenden Reparationen.

Ein englischer Kulturmajor entdeckt, daß Heidersberger Photograph ist, woraufhin er auf die Idee verfällt, inmitten der Stadt ein Porträtatelier für die Soldaten durch Heidersberger einrichten zu lassen. Dies wird das "Studio five", zentral gelegen, ("Hutfiltern") von wo aus er dann nicht nur die Portäts für die Soldaten macht, sondern auch interessante kulturelle Aufführungen der britischen Armee und Aufnahmen der Theatervorstellungen und Balletts macht. Schon zu dieser Zeit beschäftigt er zahlreiche Praktikanten und gibt sein Wissen weiter (hier seien beispielhaft Waltraud Saloga und Ditta Helmdach erwähnt). Das "studio five", wo zu jeder Tages und Nachtzeit Highlife herrscht, bekommt die Bezeichnung "Bufforama". Corrys erste Tat ist, daß sich darin befindliche Sofa rauszuschmeißen! Heidersberger hat noch keine Wohnung, und so haust er mit seiner Frau Corry, die über diverse Lager und mit enormen Strapazen, den Weg mitsamt den Kindern zurück zu ihm findet, in Charlottes kleiner Wohnung, in der neben ihr selbst auch noch die Baronin von Hohenlohe wohnt. Corry arbeitet wieder als Modell, und völlig verlaust, führt sie z.B. Hüte vor und macht sich einen Jux aus der Vorstellung, daß die Hüte aus bestem Hause jetzt "so" zugerichtet sind. Die Serie "Kleid aus Licht" entwickelt sich und findet z.B. im Stern Ablichtung. Mit dem damaligen Modell: Hille Roth ist er noch heute befreundet. Diese ist eine Freundin Dittas, die sie in einem Schwimmbad kennenlernt, und die ihr Heidersberger vorstellt.

Charlotte geht aufgrund des Ausbotens Dittas zu Franke & Heidecke. Fünf Jahre ist sie weg von Heidersberger, der ihr keinen Deut sympathischer erscheint.

Das bunte Leben und das variationsreiche Schaufenster, in der Zeit, in der Photographen kaum etwas auszustellen hatten, ziehen viele Leute an. Da kommen interessierte Architekten und da kommt auch der Zirkus, der für Heidersberger eine besondere Herausforderung darstellt. Die Zirkusunternehmen, damals um ein vielfaches größer von den Ausmaßen her, haben mehrere Zelte nebeneinander, Manegen, die unter Wasser gesetzt werden oder die 64 Apfelschimmel fassen. Es ist der Zirkus Rumbach für den er eine ganze Serie photographiert. Bei diesen Aufnahmen verdient Heidersberger die ersten richtigen D-Mark, zwar wird der Gesamtbetrag minimiert, daran konnte man dank der Währungsreform nichts ändern, aber immerhin hat er das Geld und bekommt Eßbares obendrauf, auch wenn es sich dabei nur um die Keule handelt, die für den Löwen bestimmt.

In diese Zeit fällt die erste Ausstellung Heidersbergers in Braunschweig, im Haus Salve Hospes" 1946. Sie zeigt Bilder aus dem Braunschweiger Alltagsleben. Jetzt lernt er auch Henri Nannen kennen, der in Hannover, in einer Ruine, mit vier Mitarbeitern den "Stern" zum Leben erweckt, an welchem sich Heidersberger aktiv zu beteiligen beginnt. Er macht als freier Bildjournalist photographische Serien. Der Kontakt nach Hannover selbst kommt durch Messe, Presse- und Standphotographien auf Messen zustande, die er im Auftrag für Krupp erledigt. Er fährt auch für den "Stern" mit einem der ersten Frachtschiffe "Luzi S. Berger", welches Agrarmaschinen (z.B. Traktoren) nach Istanbul exportiert, mit, und besucht auf dieser Fahrt einige nordafrikanische Häfen. (Algier und Tunis) Eigentlich soll er die politischen Konflikte festhalten, er aber, lichtet "nur" Land und Leute ab, reflektiert das Leben an Bord des Schiffes und in den Städten, was ihm interessanter erscheint.

Es überhäufen sich die Ereignisse für Heidersberger, u.a. lernt er auch seine zweite Ehefrau Renate kennen, die ihm er 17-jährig vor dem Atelierschaufenster über den Weg begegnet. Sie wird ihm Mutter weiterer drei Kinder werden: Benjamin, Konstantin und Henriette.

Sie guckt sich das Schaufenster an und dann ihn und dann fragt sie: Sind Sie der berühmte Photograph Heidersberger? Das kann er nicht verneinen. Und folgenreich ergeben sich aus dieser Begegnung verhäufte Besuche im Atelier, Freundschaft und zum Schluß, nach einigen Komplikationen und Hindernissen die Ehe mit der Hochzeitsreise in den Süden Frankreichs zu Erik Hesselberg. Auf der Anreise dorthin besuchen sie die Kölner Photokina, wo man sich über das frischvermählte Paar lustig macht, ob sie nichts Besseres in ihren Flitterwochen zu tun hätten, als die Messe zu besuchen?

Hesselberg, der sich an seine legendäre Floßfahrt ein weiteres Boot baut, macht sich damit über den Rhein und die Rhone auf den Weg in das Mittelmeer auf. Auf dieser Fahrt wird er wie ein Nationalheld gefeiert, denn er beherrscht sämtliche Volksballaden, die er singend zum besten gibt. Mit Heidersberger hat er sich locker im Golf Juan, westliche von Cannes verabredet.

Heidersberger verschafft sich mit Vehemenz und Langmut wieder, nach den fünf Jahren Abwesenheit, die Hilfe Charlottes. Er verweilt vor dem Torausgang von Rollei. Jeden Arbeit watet er ihr auf, in seinem grüngestrichenen Käfer, den er von einem britischen Besatzungsoffizier gekauft hat, der aber verstauungstechnisch nur kurzzeitig den Unterbringungen an Gerätschaften standhalten soll. Er bekniet sie mindestens vier Wochen, bis sie nachgibt. Heidersberger ist gerade mit seinen Räumlichkeiten und dem Laborzubehör in die Braunschweiger Wilhelmstraße umgezogen, denn die Kündigung der Räume des "studio five" im Hutfiltern folgt dem Kriegsende und dem Eigentumsanspruch des rechtmässigen Besitzers, eines Juweliers. Charlotte leitet das Atelier in der Wilhelmstraße späterhin viel allein, denn Heidersberger hat viele Aufträge in ganz Deutschland und die Familie erweitert sich.

Auch in der Zeit, der Hochzeitsreise Heidersbergers und Renates, hält Charlotte die Stellung in der Wilhelmstraße, die er beziehen kann, weil er Kontakt zu dem Architekten Schweitzer, der das Gewerkschaftshaus in der Braunschweiger Wilhelmstraße baut bekommen hat. In diesem Gewerkschaftshaus nun, finden sich auch für Heidersberger Möglichkeiten Räume im Erdgeschoß und im Keller einzurichten.

Die Hochzeitsreise führt Heidersberger, wie bereits erwähnt, nach Südfrankreich und dort zum Golf Juan. Die Fahrt beginnt mit, von den Praktikanten an den Opel Caravan gebundenen Konservendosen. Im Golf Juan soll das Boot von Hesselberg liegen. Die Fahrt führt mit einer Übernachtung in Basel, bei seiner ersten Frau Corry und dem Sohn Anton, weiter über die Berge und die Route Napoléon auf das Mittelmeer zu. Golf Juan ist nicht sehr schwer zu finden. Es liegt in der Nähe von Cannes und verfügt über einen kleinen Hafen. Und das Boot von Erik Hesselberg zu finden ist nicht schwer. Hesselberg ist zunächst nicht an Bord, aber Heidersberger vermutet zu wissen, wo er ihn finden könne, und so machen sie sich auf, zum in der Nähe sich befindlichen Restaurant "La vache enragée" ("Die wütende Kuh"), wo Hesselberg auch tatsächlich Stammgast ist. Es sollen verrückte Tage mit enormen Eindrücken werden, die sie hier verleben. Heidersberger trifft hier auf Jean Cocteau und auf George Simenon. Mit Cocteau verbindet ihn das künstlerische sowie photographische Interesse an seinen kürzlich entwickelten und sich ständig weiter entwickelnden Rhythmogrammen, auf die ich gleich genauer eingehen werde. Cocteau, zu dieser Zeit gut mit Picasso befreundet, ist gerade auf dem Weg zu letzterem, mit dem er dessen Geburtstag feiern will, wofür er denn auch ein adäquates Geschenk suche, was er vermeintlich in Heidersbergers "Rhythmogrammen" zu finden sieht und so wechseln sie den Besitzer. In Monaco gibt Heidersberger sogar dem Fernsehen ein Interview, welches in der Sendung "Flash sur l´art" ausgestrahlt wird. Auch hier geht es inhaltlich um die Rhythmogramme, die einen großen zeitlichen Rahmen der Beschäftigung Heidersbergers mit dieser photographischen Darstellung von Lichtpendelbewegungen darstellen.

Mit George Simenon essen sie zu Abend in dem legendären Restaurant "La Musarde", welches die hübsche Beatrice in Form eines Künstlerlokals, wo alles hereinspaziert, leitet. Simenon macht auf Heidersberger den Eindruck eines sehr vergnügten Menschen. Sie lernen auch ein jugoslawisches Brüdergespann von drei Brüdern hier kennen, von denen einer ein Schloß gekauft hatte, um es seiner Angebeteten zu offerieren, die daraufhin nur das Weite suchte. Der zweite hatte ein Stück Badestrand, wo die Leute nackt badeten- und das um Mitternacht! Und der dritte war ein Frauenarzt, der sich eine Ölmühle gekauft und phantastisch eingerichtet hatte- hier werden permanent Feste und Feiern abgehalten- und immer ist viel los. Das Schöne und entspannende am Künstlerleben hier im Süden Frankreichs ist, daß das Leben so billig und so improvisiert ist. Besonders hübsch hat Heidersberger "La Musarde" in Erinnerung. Ein Lokal in der Nähe von Cannes, in dem Hesselberg seine Volkslieder in allen Sprachen der Welt mal wieder zum besten gibt. Heidersberger selber hält über diesen eindrucksvollen Aufenthalt folgendes 1986 fest:

"Roi Soleil" Eine Reliquie der Erinnerung

Ein kleines Boot in einem fremdem Hafen ist kein sicheres Ziel für eine Postkarte. Die, die unsere Ankunft auf der "Tiki", dem Hausboot unseres norwegischen Freundes, des Kontiki-Fahrers Erik Hesselberg, im Golfe Juan anzeigen sollte, hatte es vielleicht verfehlt. Am Ende einer Reise, deren Anfang unsere Hochzeit im Atelier mit Jazzkeller in den Dunkelkammern gewesen war, klopften wir eines Nachts, müde von den kurvenreichen Pässen der Route Napoleon, unserer Sache nicht ganz sicher, an die Teakplanken der "Tiki". In der "Vache Enragée" jedenfalls, dem kleinen Clubrestaurant am Hafen, konnte uns Robert, der Patron, überhaupt nicht sagen, ob Erik "au bord" wäre, oder auch vielleicht bei Beatrix in der "Musarde", die Lieder zur Gitarre singen würde, die er auf seinen Fahrten als malender Seemann dreimal um die Erdkugel gesammelt hatte und die in den 100 Tagen auf den Balsa-Stämmen der Kontiki von Peru bis nach Polynesien reichen mußten. Als dann Eriks vollbartumrahmtes Gesicht in der Luke erschien, wußten wir erst, daß die "Tiki", die unser Freund Erik in vier Jahren langer Arbeit mit seinen Händen gebaut hatte, und nicht das Hotel über der "Vache" der Fixpunkt unseres "lune de miel" sein würde. So wurde sie das Quartier und die Startbasis für Fahrten und Besuche zu berühmten und kuriosen Menschen, grandiosen und merkwürdigen Orten, zu Beatrix mit ihrer bezaubernden Auberge, zu den Popovs in dem Schloß Castellaras, das ein Amerikaner für seine Geliebte als Konglomerat zwar aus echten Teilen, aber in nicht ganz stilgerechter Reihenfolge hatte zusammenbaumeistern lassen, zu einem Kunstinterview über die Rhythmogramme im Fernsehen in Monaco, zu einem bis zur Krawatte in Wildleder gekleideten Cocteau, zu George Simenon, zu Lin Yutang, in Ivans, einer als Wohnhaus eingerichteten Ölmühle. Bald zum "dolce vita" in der Musarde und dann zum Tee bei einer Lordschaft, die wir nur dadurch kennengelernt hatten, weil sein Rolls Royce langsamer als irgendein Auto je zuvor durch die Keramikgesäumten Straßen von Vallauris gefahren war. Endlich brachte uns Erik auch zu jenem Prototyp, der jetzt in Frankreich überall an den Autostraßen wuchernden Antiquitätenhändler, dessen Karussellpferde, mechanische Puppen, wasserspeiende Jugendstiljungfrauen, Säulen und Olivenölkrüge und das gesamte "bric-a-brac" eines Supermarche aux Puces aus der Ladenfront auf die Route Nationale Nr. 7 zwischen dem Cap d'Antibes und Nice quillt und der sich schlicht "Roi Soleil" nennt. Zwischen dem Strandgut des Surrealismus in diesem Selbstbedienungsladen des Spleens, wo einem ein schöner Negerknabe auf ein dreifaches Händeklatschen seines Roi Whisky serviert, ist dieses Bild entstanden, daß ich für mich selbst deshalb als mein liebstes bezeichnen möchte, weil darin die Fortsetzung jener Nacht enthalten ist, in der wir voll Ungewißheit von einem schmalen Bootssteg aus dem rotierenden Lichtfächer des Leuchtturmes von Cap d`Antibes die Buchstaben "TIKI" lasen. In ihm ist Cocteau, der zu den Kunden und Freunden des Hauses zählte, das Modell zu Picassos Taube, der azurblaue Himmel, Geist, Anmut, aber auch die Ironie, die die Würze dieses Landstriches ausmachend uns lockt."

In der im Jahre 1955 in Wolfenbüttel eröffneten Ingenieursschule trifft der Besucher in der Eingangshalle auf eine große, leporelloartig gewinkelte Wand, die in abgewogener rhythmischer Anordnung 18 Bilder (9 oben, 9 unten) der hier gelehrten Disziplinen photographisch aufzeigt. Es sind Darstellungen der Geometrie, des Magnetismus, der organischen Chemie, der Strömungstechnik, der Physik etc. Heute würde man diese Technik mit der Mikroelektronik darstellen können, aber damals wird Heidersberger durch das Buch: "Physik in graphischen Darstellungen" dazu angeregt, die dort nur graphisch abgebildeten Figuren phototechnisch darzustellen. Heidersberger, der auch Schneesterne und andere Naturerscheinungen, Pflanzen und Blüten photographiert, ist der Meinung, daß zwischen all den rein synthetisch-physikalischen Formen wie den Rhythmogrammen und den organischen-natürlichen Formen Beziehungen bestehen, die er z.B. in der Philosophie Rupert Sheldrakes heutzutage formuliert findet. Er improvisiert und experimentiert im Atelier der Braunschweiger Wilhelmstraße, wo er mehr Platz hat als in dem alten kleinen "Studio five". Die Rhythmogramme sind in ihrer Form kompliziert, Heidersberger, auf der Suche nach einem Gesetz des Kosmos- laboriert. Die Rhythmogramme bleiben im Nachhinein ein Schlüssel zu vielen Begegnungen mit künstlerischen namhaften Größen.

Die heutige Elektronik heißt damals noch Hochfrequenztechnik und umfaßt hauptsächlich das, was mit der technischen Kommunikation zusammenhängt. Die Darstellung von Schwingungen ist gefragt- die einfachste existente sind einfache Wellen-Sinunskurven, aber die sind Heidersberger zu primitiv. Er ist auf der Suche nach etwas Komplizierterem. Heidersberger erinnert sich eines Artikels mit Darstellungen über wunderbare Figuren, nach dem französischen mathematischen Wissenschaftler Lissajous in der Schweizer Zeitschrift "DU", die er abonniert Lissajous stellt diese Figuren zum ersten Mal dar, sie sind aber nur graphisch und nicht photographisch abgebildet. Heidersbergers Ehrgeiz ist geweckt. Der erste Versuch ist so, daß er die Kamera an einem Pendel befestigt und die Lichtquelle an einer zweiten. Diese muß man in ein harmonisches Schwingungsverhältnis bringen. Es wird immer komplizierter, später arbeitet er mit mehreren Pendeln- das große ist ein Horizontales mit Ausmaßen von 4 Metern und entwickelt eine, über Jahre und Jahrzehnte sich veräadernde und ausufernde Apparatur,- die Rhythmogramm- Maschine.

Die entstehnden Bilder sind in den fünfziger Jahren ganz aktuell. Neben Heidersberger arbeiten auch Peter Keetmann und Oskar Kreisel mit diesen Figuren (siehe Ausstellungskatalog: Struktur und Geste, Aachen 1988). Die Nähe dieser Bilder zu Zeichenformen abstrakter Kunst ist sichtbar wie auch die Systematik ihrer Entstehung.

Wenn man noch heute die Technische Hochschule betritt sieht man in der Aula das leporelloartige Wandbild in voller Größe vor sich.

Wie bereits aufgeführt, interessiert sich auch Jean Cocteau für diese Rhythmogramme und 1986 hält er folgendes hierüber fest:

"Die bewundernswerten Rhythmogramme von Heidersberger sind ein Beweis dafür, daß der Zufall für die Poeten nicht existiert, oder besser, daß sie ihm einen anderen Namen geben. Die Verbindung von Mensch und Maschine scheint mir ein Merkmal unserer Zeit. Angesichts dieser erstarrten Schwingungen, so geheimnisvoll wie die Tarnformen von Tieren oder Pflanzen, erhebt sich die Frage, ob nicht das gewaltige Wirken des Kosmos unseren Künstler beeinflußt und uns durch sein Werk eine

Musik der Stille bringt, einer Stille, die nichts anderes ist als eine Tonfolge, die unser unvollkommenes Ohr nicht wahrzunehmen vermag. Ich möchte das Oeuvre Heidersberger mit der Auflehnung eines Insekts oder einer Blume vergleichen, die es müde sind, sich den Gesetzen ihrer Gattung zu beugen. Es geschieht wohl, daß Spinnen unter der Einwirkung von Drogen die Struktur ihres Netzes ändern, und daß Marienfäden zu teuflischen Fallstricken werden. Bewundern wir, auch wenn wir nicht begreifen! Nur so können wir der Düsternis des kartesischen Weltbilds entrinnen."

 

 

9. Architekturphotographie unter den Architekten der Braunschweiger Schule

Für Heidersberger entwickelt sich neben den Rhythmogramme immer mehr die vorrangige Prämisse des ihm voreilenden guten Rufes eines exellenten Architekturphotographen und so beginnen sich die Architekten der Braunschweiger Schule um ihn zu scharen und ihm Aufträge zu Ablichtungen ihrer Modelle und Bauphasen, sowie der fertigen Objekte zuzuschustern. In der Nachkriegszeit entsteht so viel Neues, und die namhafte Architekten der Region, zu ihnen zählen u.a. Prof. Walter Henn, Prof. Friedrich Wilhelm Kraemer, Prof. Dieter Oesterlen und Rüdiger Henschker, Alvar Aalto, Arno Bayer, Helmut Schulitz, Lindemann & Thamm und Schweger & Partner brauchen in der Zeit des Wiederaufbaus, um Reklame für neue Bauprojekte zu machen, gute Photos, die Heidersberger ihnen liefert. Diese Bilder werden späterhin immer wieder in Fachzeitschriften abgebildet.

Erste Veröffentlichungen hinter sich lassend, arbeitet Heidersberger mit diesen Architekten zusammen, liefert ihnen für ihre Vorlesungen Ansichtsmaterial oder lichtet die neuentstehenden Bauten in und um Braunschweig ab. Bereits 1936/37 erfolgen erste Veröffentlichungen zum Thema der entstehenden Baulichkeiten und Auftragsarbeiten für konkrete Objekte. Ob es sich dabei um Bilder neuentstehender Siedlungen wie in Berlin Oranienburg oder um das deutsche Flugzeugwerk Heinkel handelt, alles lichtet Heidersberger ab. Als Pendent gilt ihm die Photographie im Industriesektor. All die entstehenden Firmen, die sich langsam Rang und Namen schaffen, gelten als erfolgversprechende Abzulichtende.

Bereits 1946 beginnt die Serienproduktion des VW-Käfer in Wolfsburg und Heidersberger, nicht weit davon entfernt, beginnt auch diese festzuhalten, mehr aber noch, nach der 1961 anstehenden Übersiedlung dorthin.

1948- die technische Neuerung: Elektronenröhren werden durch Transistoren ersetzt, damit entwickelt sich im Radiowesen, an welchem Heidersberger noch immer interessiert ist, der trennschärfere und genauere UKW-Sendebereich. Die ersten Polaroid-Kameras kommen zeitgleich auf den Markt und in den Staaten wird das Spiegelteleskop Mount Palomar in Betrieb genommen. Der Astronomie frönt Heidersberger auch weiterhin. Seine Vielseitigkeiten nehmen ein immer breitereres Spektrum ein.

Seit 1951 bricht das Zeitalter der Farbfernsehgeräte herein und Filme wie Fellinis "La strada" oder der bereits 1945 entstandende "Die Kinder des Olymp"(Barrault) avancieren zu Lieblingsfilmen Heidersbergers, die er sich unzählige Male ansieht.

Die Autoproduktion verbessert sich durch Exporte und so wird 1955 schon der 10 Millionste Käfer das Band in Wolfsburg verlassen. Heidersberger begleitet kameratechnisch ablichtend, teilweise, sich auch auf eigene Intuition verlassend, Bauten wie: die Heinkel Werke (1939 durch Prof. Herbert Rimpl), die Olympia-Werke, die Alvar Aalto Bauten in Wolfsburg (1962 Kulturzentren und Kirchen), für Dieter Oesterlen die Fakultät für Bauwesen, das Bankhaus Nicolai & Co in Hannover, den Niedersächsischen Landtag in Hannover sowie die Martinskirche oder die Christuskirche in Bochum oder die Stadtkirche in Jever. Auch die Technische Universität in Braunschweig (1956) lichtet er für Oesterlen ab, und diese Bilder erlangen gewissen Ruhm durch Heidersbergers Experimentierfreudigkeit.

1958/59 beginnt die intensive Photographie der neuentstehenden Bauten Wolfsburgs, in deren Folge, in Kooperation zwischen dem damaligen Oberstadtdirektor Dr. Hesse und dem Oberbürgermeister Dr. Uwe Nissen, die Anfrage an Heidersbergers ergeht, ob er das Wolfsburger Schloß, welches von der Stadt zur kulturellen Belebbarkeit ins Auge gezogen wird, mit seinen künstlerischen Auseinandersetzungen, mitgestalten möchte.

Heidersberger nimmt teil an den Geschehnissen der Zeit. Daß Bert Brecht stirbt, Gottfried Benn sowie Feuchtwanger und Becher, - daß seit 1937 erstmals 1958 wieder eine Expo (diesmal in Brüssel) inszeniert wird, die ganz im Zeichen der Atomenergie und der Weltraumfahrt steht, daß Erhard Bundeskanzler wird und Volksaktien der Firma Preussag ausgegeben werden und alsbald ausverkauft sind, ferner, daß Frank Lloyd Wright, der von ihm bewunderte Architekt stirbt und der Berliner Mauerbau erfolgt.

10. Wolfsburg Gründung der Künstlerkolonie "Schloßstraße 8"- erlaubt keinen weiteren

Ausbrecher

Durch Veröffentlichungen von Bildern über die Architektur in Braunschweig mitsamt Beiträgen zu regionalen Obliegenheiten z.B. im "Merian-"Heft, wird die damalige Stadtdirektion Wolfsburgs auf Heidersberger aufmerksam. Es grassiert die Überlegung, hier ein Kulturzentrum zu bauen, und ferner die Anfrage der Konstruktion dieses Projektes Alvar Aalto, einem damals berühmten finnischen Architekten, zu überantworten. Heidersberger von einer Bereicherung eines solchen Projektes "für" die Stadt überzeugt hält die Bauphasen und das letzthin entstehende Objekt fest. Heidersberger nennt dieses Kulturzentrum "eine Perle der Architektur", und ist davon begeistert, daß Aalto alles selbst zeichnet und entwirft, "selbst die Handläufe". In mühevoller Handarbeit entsteht viel Außergewöhnliches. Heidersberger tut gut daran dies alles zu photographieren, denn, im Nachhinein weiß man sein Engagement zu schätzen, und so gehen seine Bilder z.B. ein in den aktuellen Architekturführer der Stadt ein. Eines der Bilder vom Kulturzentrum Alvar Aaltos wird 1963 Titelblatt der Zeitschrift "L´Architecture d´aujourd´hui". Hierfür wird von allen existenten Kulturzentren, die abgelichtet worden sind, seine Aufnahme erkoren.

"Die Stadt wuchs rasant und da war immer wieder irgend etwas, was zu photographieren war, wobei das Kulturzentrum das absolut wichtigste war und die Aufnahmen brachten Resultate, die an hervorragender Stelle veröffentlicht wurde, und zwar war eine meiner ersten Ausstellungen im Rathaus und für sie wurde das Vorwort, als Geleit, von Jean Cocteau (über seine Rhythmogramme) eingeholt", sagt Heidersberger heute.

Wie bereits in bezug auf die Olympiade und die Darstellung Wolfsburgs erwähnt, gilt diese Stadt als wichtige Industriestadt, denn nun innerhalb von zwei Generationen, begonnen 1938, entsteht sie so, wie sie sich uns heute präsentiert. Das Kriegsende markiert hierbei den Neubeginn des Stadtaufbaus, die sich aus der Entscheidung der britischen Besatzungsmacht ergibt, das Volkswagenwerk nicht zu demontieren, sondern für die Produktion des Volkswagens zu verwenden. Der Käfer wird zum ausdrücklichen Symbol dieses Wirtschaftswunders. Es ist 1961. Die Stadt Wolfsburg kauft das Schloß mitsamt Park. Es soll nicht nur museal brachliegen, sondern lebhaft präsentiert werden. Verschiedentliche Künstler werden eingeladen, sich m mit ihren Arbeiten und Werken vorzustellen. Sieben Künstler sollen nachher fest hier ihre Künste betreiben. Frau Chapher, die Töpferin ist noch heute hier produktiv. Ferner gibt es anfänglich zwei Designer, Schönfeld und Mauke, erinnert sich Heidersberger. Von dem Bildhauer Szaif steht noch heute eine Statue auf dem Wolfsburger Marktplatz. Er ist mit einer Malerin verheiratet- ferner gibt es da noch einen Maler aus der DDR namens Batsch, der einer nicht sehr westlichen Kunst nachgeht, stilmässig, empfindet es zumindest Heidersberger. Er malt abstrakt-gegenständlich. Gustav Beck ist der letzte und mit ihm selbst Initiator und Organisator der Kolonie. Er stammt aus Salzburg, wo er der Idee einer Künstleranlaufstelle, zu der er ausländische Künstler einlädt, die in den zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten arbeiten und mit deren Anwesenheit sich die Künstler verpflichteten die Proben ihrer Arbeiten zu hinterlassen und aus diesem Kontingent eine Sammlung entstehen zu lassen, betreibt. Diese Idee soll auf Wolfsburg übertragen werden. Sofern es Graphiker sind, auch die späteren Künstler, die als Besucher gastieren und während dieser Zeit im Schloß untergebracht werden, benutzen sie die Druckerwerkstatt. Die

"Schloßstraße 8" soll ein ausgezeichnetes Renomée bekommen und aus aller Welt kommen Künstler. Auch Frau Leyla-Escher, die Kunst an der Universität in Washington unterrichtet, und deren Söhne selbst noch Praktikanten bei Heidersberger werden sollen, kündigt ihren Besuch an. Der Kontakt ist frisch und lebendig, viele Künstler, ob aus dem Osten, aus Italien oder sogar Kanada kommen hierher.

Seit 1962/63 also seit kurz nach Heidersbergers Übersiedlung und Integrierung in das künstlerische Wolfsburger Geschehen beginnt er Kurse an der dortigen Volkshochschule zu geben und sich auch sonst um das kulturelle Geschehen zu kümmern und sich einzusetzen.

Er wird zur Kontaktperson, der zu Besuchen und öffentlichen Empfängen, wie z.B. dem Willi Brandts, mit hinzugezogen wird.

Zeitgleich geht es in der Welt drunter und drüber: Raketen düsen ins Weltall und der Kurssturz der Wall Street erlebt seinen "Schwarzen Freitag". Cocteau wird 1963 sterben und durch die Fehmarnbrücke wird zwischen Dänemark und Skandinavien und die Bundesrepublik ist somit eine Vogellinie eröffnet. Die Anreise geht schneller und einfacher vonstatten und Heidersberger, der mit dem Caravan unterwegs ist profitiert auch von solchen Neuerungen.

Im Jahr seiner Übersiedlung nach Wolfsburg 1961 wird Heidersberger in den Deutschen Werkbund wie auch in die Deutsche Gesellschaft für Photographie berufen, dies formiert sich als Steigerung des erlangten Ruhmes 1957 durch die Verleihung der Silbermedaille für seine Rhythmogramme auf der Trienale in Venedig.

Die bis heute perfektionierte Rhythmogramm- Maschine steht noch immer unvollendet hier im Wolfsburger Schloß, im dritten Stockwerk, welches er tagtäglich einige Male erklimmt, und ist Objekt der Herausforderung Heidersbergers. In der alten Schloßküche ist sein Labor untergebracht, und auch hier hantiert er noch immer in selbstgebastelten Provisorien und entwickelt Auftragsarbeiten im Alter von 92 Jahren! Noch immer hat er eine lange Liste an Bestellungen und den Anspruch sie selber als Vinridge-Prints zu entwickeln und zu belichten.

Heidersberger macht sich regional einen Namen als photographischer Ausstatter u.a. der, der Olympiade in München 1972 aber bis dahin lichtet er weiter für hiesige Firmen, Auftraggeber oder Architekten gewünschte Motive und Modelle ab. In der Zeit, in der er Aufnahmen für die Wandbilder zur Repräsentation Wolfsburgs für die Olympiade 1972 entstehen, macht er auch das berühmte Bild des "Volkswagenwerkes". Es gibt zu dieser Zeit kaum perspektivische Aufnahmen des Werkes, und so verfällt Heidersberger auf diese Serie.

Er veröffentlicht als erste große Tat zugunsten des neuen Stand- und Ausgangspunktes Wolfsburgs, das Buch: "Wolfsburg- Bilder einer jungen Stadt" und im Anschluß als kleines Revival eins über "Braunschweig".

Heidersberger wird die Goldmedaille für die Tonbildschau für die Jenaer Glaswerke in Frankfurt verliehen und späterhin das Verdienstkreuz des Landes Niedersachsen. Er ist an internationalen Ausstellungen beteiligt in Paris, Tokyo sowie im New Yorker Museum of modern art. Er wird mit seinen Bildern und dem Wunsch Vorträge zu halten nach Tuscon in Amerika eingeladen und geht dem 1986 nach. Ferner entsteht im Rahmen der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig eine Dokumentation "Die zweite Realität", die ihn wieder an Orte der Kindheit und seines Pariser Bohèmelebens als Künstler zurückführt und ihn mit alten Freunden konfrontiert.

 

Technische Raffinessen und Erfindungen. Basteleien und eigene Kreationen (Rhythmo-gramm-Maschine)

Zur Zeit der Münchner Olympiade entwickelt Heidersberger ein Ausstellungssystem für seine Bilder, welche, in den nach Städten benannten Häusern für die Sportler als Eindrücke und Impressionen deutscher Städte fungieren soll. Die Konstruktion ist ganz einfach, stellt sie doch Bildtafeln von 90x90cm dar, mit einem Fuß für den Text. Es sind keine Stellwände vonnöten und die Bilder, die auf eine Platte aufgezogen werden mit einem Blindrahmen versehen und Rücken an Rücken mit einem weiteren Bild präsentiert. Dieses steht auf Vierkant-Stahlrohrern mit nur zwei Imbusschrauben, die man leicht und schnell verstellen kann. So sind alle Verstellungsvarianten möglich. Heidersberger ist für die bildliche Einrichtung des Hauses für die Russen zuständig, die im Haus Wolfsburg untergebracht sind. Er entwirft ein, für die Sportler als Andenken einfach zu transportierendes, mit Stoffscharnieren zusammenklappbares, aus mehreren Bildern bestehendes Konstrukt, welches die Stadt aufs beste beschreibend zeigt.

Karl-Heinrich Weghorn, der den Film "die zweite Realität" über Heidersberger mitkonzipiert, spricht vom "pedantischen Geist Heidersbergers, hinter dem eine enorme Kreativität stecke. Sämtliche Erfindungen haben einen großen Zweck- und Vereinfachungsgedanken. Sein Einbeinstativ oder das Batteriegerät, welches er ans Stromnetz anschließen kann oder seine Mikroskopkamera- seien schon genial."

In seinem Haus in der Wolfsburger Schulenburgallee sind zig eigene Konstruktionen und Besonderheiten sinnig durchdacht oder konstruktiv zu finden. Die Möbel in der Küche aus Zirbelholz- sind eine Eigenanfertigung! Das Gewächshaus, in dem Heidersberger seit unzähligen Jahren mit großer Hingabe und Sachkenntnis Orchideen und Kakteen züchtet, ist mit Sprenkleranlagen ausgestattet, die fünfmal täglich seichten Niesel abläßt. Auch das Gewächshaus ist nach eigenen Vorstellungen gebaut worden, das Frühbeet hat eine automatische Dichtung- natürlich von Heidersberger selbst angelegt. Mit Kakteen, die er leidenschaftlich sammelt, umgarnt und behütet, beschäftigt er sich seit dem sechsten Lebensjahr, so hat er aus seiner Begeisterung für die Botanik auch einen Regenwassersammler mit Zuleitung konstruiert. Den Brunnen und die Frostschutzanlage- die Spannbreite des Selbstentworfenen scheint unerschöpflich! Neben der Garage ist auch die Beobachtungsstation für den nächtlichen Sternenhimmel. Er nennt es liebevoll sein astrologisches Laboratorium- nebenan die Werkstatt.

Stahl- und Schweißarbeiten im Haus gehen in die Zeit zurück, in der er hier noch lebte, denn nunmehr wohnt er seit zig Jahren mit Charlotte in einer kleinen Einzimmerwohnung zusammen, die er als "Raumkapsel" bezeichnet. Trotzdem oder auch gerade sind auch hier tausendfach nützliche Erfindungen von Heidersberger eingeführt worden.

Dieser Reigen ließe sich unendlich fortführen. Ich möchte dem jedoch hier nicht verfallen, die just erwähnte Aufzählung sollte als Beispielhaftigkeit dieses Rigorosum statuieren.

 

Kommentare und Reaktionen von Zeitgenossen und anderen Photographen

Heidersberger trifft mit vielen Photographenkollegen zusammen. Einige sind in der Lage mir ihre Achtung vor dem über siebzig Jahre photographierenden Heidersberger in Wort zu fassen, so steht z.B. in "Situationen und Objekte" über Heinrich Riebesehl (Hrsg. Jörg Kirchbaum):

"...Die einzige befriedigende Möglichkeit, sich mit den Fotoarbeiten zeitgenössischer kreativer Fotografen zu beschäftigen, boten die seltenen Fotoausstellungen, die, wie die aus Amerika importierte "Family of Man", in der Hannoverschen Orangerie gezeigt wurden, oder die Präsentationen von Fotowerken, wie die des noch heute unterschätzten Heinrich Heidersberger, die in der Galerie Brusberg geboten wurden."

Ferner gibt es die Anekdote von Arnold Crane, der als begeisterter Photosammler zur Eröffnung des Paul Ghetty-Museums seine vollständige Sammlung des Museum übergab und damit auch seiner Sammelleidenschaft ein Ende setzen wollte. Heidersbergers Bild der Kopenhagener Fahrradboten, die die langen Schatten werfen, ist im Anschluß eines der wenigen Photographien, die er sich dennoch mit großer Bewunderung kauft.

Der Photograph Uwe Brodmann, der nicht unmaßgeblich an der Produktion der "Zweiten Realität", der Filmdokumentation über Heidersberger beteiligt ist, äußert sich wie folgt:

"Fotografieren (mit Ph) ist ganz einfach. Man muß nur die Bedienungsanleitung genau lesen", mit dieser Aussage kokettiert Heinrich Heidersberger natürlich nur. Wer seine fotografischen (ph) Arbeiten kennt, weiß das genau. Was hintergründig bleibt, aber unabdingbar für seine Art der Fotografie (Ph) gilt, ist sein komplexes allgemeines Wissen. Von den Naturwissenschaften, der Philosophie, den bildenden Künsten bis hin zur Literatur. Dies alles verbindet sich zu Heinrich Heidersbergers Weltsicht, die sich in seiner Fotografie (Ph) widerspiegelt.

 

 

Auseinandersetzung mit Sprachen, Literatur und Philosophie (Französisch, Dänisch, Englisch); (Proust, Steen Steensen Blicher, J.P. Jacobsen, H.C. Andersen u.a) (Sheldrake u.a.)

Heidersberger, der die klassische humanitäre Schulausbildung in Linz durchlebt, wird mit Englisch, Französisch und Latein konfrontiert. Als verschicktes Wienerkind lernt er in Dänemark dänisch, was wie ein Freifahrtsschein für sämtliche skandinavischen Sprachen ist. Er kann damit norwegisch und schwedisch verstehen. Durch seinen fast 4-jährigen Parisaufenthalt spricht er fließend Französisch und da er dort mit der englischen Krankenschwester Olive Scott zusammenlebt perfektioniert sich hier auch sein Englisch.

Schon früh gilt Heidersberger als belesen. In der Schule wird er mit den Klassikern überhäuft und das eigene Interesse, angeregt und gefördert durch den philologisch-angehauchten Eduard Zak und seiner späteren Frau Annemarie Auer erweitern sich bis zu einem schier endlosen Horizont. Er liest Maupassant, St. Blicher, J.P. Jacobsen, H.C. Andersen oder Proust in Originalsprachen- hält es auch für das bessere Verständnis als unabdingbar die Werke in der Urfassung zu lesen. Heidersbergers Meinung ist es, daß man ohne Proust kein gebildeter Mensch werden kann.- Die französische Literatur sei überhaupt unerläßlich. Man kann Heidersberger fragen, was man möchte, er kann alles erklären oder mit sinnhaften Anregungen oder Tips dienen.

Als Jugendlicher, der sich noch nicht vollständig formiert hat, ist er mit der Dänemark-begegnung bereit und aufgeschlossen sich mulitkulturell der dort gebotenen Welt zu verschreiben. So hält er die Dänen für ein so humorvolles und freundliches Volk, wie es ihm nirgends sonst begegnen sollte, und er hat viele Eindrücke sammeln können. Er wird niemals den national gesinnten Geist eines engstirnigen Vaterlandsideologen besitzen, sondern stets den verschiedenen Kulturen mit ihrer Geschichte interessiert geöffnet sein. Die Kultur, die sich auf eine Nation fixiert, interessiert ihn nicht. Er abonniert noch heute die dänische Kulturzeitung, die ihm einmal wöchentlich übermittelt wird, und mit der er immer auf der Höhe des Geschehens ist- in Originalsprache versteht sich. Er liest den "Natural Geographics", den er ebenfalls abonniert, und der seine Neugierde befriedigt. Überhaupt ist in seinem Atelier enorm viel an Zeitschriften und Büchern zu finden, die vielseitig unsortiert erscheinen, weil sie immer wieder zur Hand genommen werden und sich häufig in Bergen neben und auf dem Sofa türmen, um auch ja immer schnell bei der Hand zu sein. Heidersberger bekommt noch immer Einladungen zu weltweit arrangierten Ausstellungen im kulturellen Bereich und interessierte Anfragen von früheren Freunden, was seine Kontaktfreudigkeit durch schnelles Antworten auf diese Briefe ehrenvoll preist. Er wird ein "Urtier" genannt, weil er ein ganzes Jahrhundert mit allen Impressionen, Erfindungen, Schrecknissen und Errungenschaften positiver Art überblickt und noch dazu kann er sie in einen Kontext setzen, der Aufgeschlossenheit erkennen läßt. Noch heute besuchen ihn die Kinder seiner früheren Freunde und kennen die Geschichten und Anekdoten von dereinst.

In seiner eigenen praktizierten Philosophie auf die Photographie bezogen, interessiert Heidersberger vorrangig das geistig-abstrakte, die Konstruktion. Sie ist ihm wichtiger als nur die geschichtlichen Ereignisse zu sehen- und sie in gewisse Verbindungen zu stellen. Dabei ist das Interesse an der Ästhetik und der künstlerischen Wirkung primär- überhaupt scheint die Ästhetik das Geheimnis bestimmter Formzusammenstellungen, die auf den besonderen Eindruck machen, zu sein. Heidersberger hat sich nie mit der streng wissenschaftlichen Philosophie beschäftigt, er hat sie eher von außen betrachtet, wobei die Schönheit des klassischen Altertums auf ihn einen großen Eindruck macht- was ethymologisch übriggeblieben ist, sei halt immer noch sichtbar. Heidersberger hat die Philosophie ohne jegliche Absicht betrieben und erst rückblickend ist er darauf gekommen, daß in ihr doch alles kulminiert. Die Schöpfung als physikalisches Phänomen und nicht als religiöses zu sehen- das ist seine ganz eigene Philosophie, die er auch bei dem Philosophen Rupert Sheldrake beschrieben findet. So spricht Heidersberger von einer Art religiöser Überzeugung, die nicht mit "den" religiösen Schemen verbunden ist, wie sie gemeinhin damit verbunden werden. Die praktizierte Religion, die in Verbindung der Lehre des Kosmos und der Schöpfung gesehen wird, das ist Heidersberger zu primitiv und zu einseitig. Seine ureigenen Erkenntnis beruht auf dem Versuch und dem nachgehenden Aufspüren, wie sich Dinge physikalisch wirklich abgespielt haben. Für ihn entsteht Religion dort, wo man akzeptiert, daß es schwierig ist, zu einer wirklichen Auffassung zu gelangen.

Er bemängelt die Übersetzung von R. Sheldrakes Werk: "Das Gedächtnis der Natur". Im englischen hieße es "The presence of the past", d.h. für Heidersberger, daß das Vergangene in der Gegenwart noch teilhaftig ist. Der Natur wird somit keine Eigenschaft zugeteilt, die sie nicht haben kann- sie ist für Heidersberger kein Individuum- sie kann kein Gedächtnis haben. Ein Gedächtnis ist an eine Persönlichkeit gebunden. Daß ihm Sheldrakes Theorien gefallen, erklärt er anhand des Wolfenbüttler Wandbildes in der Aula, auch hier seien die harmonischen Abstimmungen, die er zwischen den Pendeln zur Herstellung seiner Rhythmogramme erzeugen mußte, vergleichbar mit denen der Musik: Terz, Quart oder Quint- je nach dem.

Heidersberger selber kommt eigentlich erst relativ spät darauf, daß er mit den Rhythmogrammen, mit den Aufnahmen von der Natur und auch mit seinem Interesse an der Astrophotographie und mit den photographischen Experimenten eigentlich immer nur auf der Suche war nach einer gewissen Manifestation von Gesetzen in der Schöpfung. Dieses Moment der Suche, war es auch, was ihn immer wieder am meisten interessierte, zog, faszinierte. Er hat Schneesterne photographiert und andere Naturerscheinungen wie Pflanzen und Blüten- dabei hat er festgestellt, daß gerade zwischen diesen rein synthetischen-physikalischen Rhythmogrammen und den organischen Formen Beziehungen bestehen.

Zu einem seiner Leitthemen gehört die Physik mit ihren Phänomenen. Heidersberger hat die Entwicklung der Technik vom Automobil bis zur Landung des ersten Roboters auf dem Mars verfolgt. Alles, was sich in den Erkenntnissen der Technik abspielt, interessiert ihn und liest er. Er beobachtet Flugzeuge und den ersten Zeppelin. Er ist Mitglied des Vereins der Sternfreunde und die erste Mondlandung sieht er im Fernsehen. Seine stete Neugier, verfolgt durch Notwendigkeit, hatte mit der materiellen Existenz des Geldverdienens zu tun. Daß er seine Kunst des Photographierens in Geld umsetzen konnte, war großer Zufall. Hierbei begründet das permanente Suchen seine Arbeit. Und dabei seinen Ansprüchen nahezukommen, war das Vergnügen der künstlerischen Freiheit, womit er nachher auch seinen materiellen Erfolg verzeichnen konnte. Allerdings wird ihm die Breitgefächertheit seiner Interessen dabei zum Nachteil.

Wenn man Heidersberger auf die Architektur anspricht, so sieht in der Harmoie der Geraden und rechteckigen auch streng runden Formen mehr Bezug zur Schöpfung als in den mehr schnörkelartigen Formen, die man gemeinhin der Architektur anhängt. Er glaubt, daß die Ornamente in der antiken Architektur viel stärker Ausdruck sind von einem ästhetischen Suchen. Der gegenwärtigen Architektur kann er nichts abgewinnen, sie erscheint ihm viel weniger organisch als alles andere- ihm fehlt sogar generell ein konstanter Bezug. Der Jugenstil hingegen ist ihm sehr organisch, "es sei Imitation der Natur."

Tabellarischer Lebenslauf

1906 am 10. Juni in Ingolstadt geboren

Abitur in Linz, kurzes Studium der Architektur in Graz

1918 Erster Dänemark-Aufenthalt als Wienerkind

1928-31 Aufenthalt in Paris, erste Photographien als Reproduktionen seiner gemalten

Bilder. Einschreibung an der privaten Malschule Fernand Légers.

Heidersberger trifft mit Künstlern wie Mondrian und Tanguy zusammen

1931-35 Rückkehr nach Linz. Gründung der "Thermopylen". Hieran schließen sich

Aufenthalte in Den Haag (erneutes Zusammentreffen in der Künstlergruppe der

Pariser Formation: Zak, Giesegen, Hohl) und Kopenhagen an. Er heiratet Cornelia Botter.

1936 Übersiedlung nach Berlin, um dort als freier Bildjournalist für Ullstein und

Scherl sowie als Sach- und Werbephotograph zu arbeiten. Erste

Veröffentlichungen im internationalen Jahrbuch "Photographie".

Beginn der Architekturphotographie.

    1. Veröffentlichung des Buches "Ein deutsches Flugzeugwerk" (Heinkel-Werke).

Der erste Sohn Börge wird in Berlin geboren.

1938 Industriephotograph im Stahlwerk Salzgitter Lebenstedt. Heidersberger

ist Leiter der Bildstelle.

  1. Der zweite Sohn Anton wird geboren.

1941 Der dritte Sohn Gerhard wird geboren.

1946 Übersiedlung nach Braunschweig, Atelier "Hutfiltern. Studio Five". Er

photographiert englische Soldaten bis zu ihrem Abzug. Arbeit als Dolmetscher.

Erste Ausstellung im Haus "Salve Hospes". Fortan Kooperation mit der sich

neu entwickelnden Illustrierte "Stern", die noch in Ruinen in Hannover haust.

Heidersberger reist hierfür u.a. nach Istanbul. Erste Versuche mit der

Rhythmogramm- Maschine entstehen neben der Architekturphotographie u.a.

für die Architekten der Braunschweiger Schule. Heidersberger heiratet Renate.

1953 Benjamin wird als vierter Sohn geboren

1955 Entwicklung der Rhythmogramme im Zusammenhang mit der Erstellung des

Wandbildes für die Fachhochschule Wolfenbüttel.

1956 Henriette wird als einzige Tochter Heidersbergers geboren.

1957 erhält Heidersberger die Silberne Medaille für das Rhythmogramm

"Triennale", 11. Triennale di Milano (Esposzione internazionale delle arti

decorative e industrie moderne e dell` architettura moderna). Berufung in die

Deutsche Gesellschaft für Photographie. In diese Zeit fällt auch die Begegnung

mit Jean Cocteau sowie die Berufung in den Deutschen Werkbund.

1959 Konstantin, der jüngste Sohn Heidersbergers wird geboren.

1961 Übersiedlung nach Wolfsburg; Mitbegründer der Gruppe "Schloßstraße 8"

1963 Buchpublikationen: "Wolfsburg - Bilder einer jungen Stadt" , "Braunschweig"

1966 Goldmedaille Tonbildschau-Festival Frankfurt (Tonbildschau für die Jenaer

Glaswerke Schott)

1981 Verdienstkreuz a. B. des Landes Niedersachsen

1984 Teilnahme an der Ausstellung "Images et Imaginaires d' Architectur" im Centre

Georges Pompidou, Paris

1986 Verleihung der Silbernen Plakette der Stadt Wolfsburg

1989 Einladung nach Tuscon, USA: Ausstellungen und Vorträge in der Universitäts-

galerie

1996 Reisen nach Lemvig, Kopenhagen und Paris im Zusammenhang mit den Dreharbeiten zum Film "Die zweite Wirklichkeit" über Heidersbergers

fotografische Entwicklung (Drehbuch und Regie: Karl- Heinrich Weghorn,

Uwe Brodmann, Siegfried Tautz, seit 1993; gefördert durch die

Niedersächsische Filmförderung). Heidersberger lebt und arbeitet noch immer

im Schloß Wolfsburg.

1998 Internet-Präsentation des Werkes Heidersbergers. Fernsehreportage im ZDF

im Rahmen des "heute journals".

 

 

Werkverzeichnis, Bibliographie sowie Ausstellungen:

Werkverzeichnis (hier erfolgt nur ein exemplarischer Auszug der bekanntesten Werke)

Für den Bereich Architektur:

Das Kraftwerk der Volkswagen AG 1971

Technische Universität Braunschweig mit Torhäuschen 1956

Kulturzentrum Alvar Aalto (diverse Innen- und Außenaufnahmen) 1962

Huneborstelsches Haus (Gildehaus), Braunschweig, 1955

Giebel am Wolfsburger Schloß

Für Prof. Walter Henn: Lagerhalle Siemens, Braunschweig

Verwaltungsgebäude Osram, München, 1966

Verwaltungsgebäude Hoechst, Frankfurt

Turbinenwerk, Wesel

Halle Firma Armstrong, Münster/Westfalen, 1972

Für Prof. Fr. Wilh. Kraemer: Rolleiflex Werkstattgebäude, Braunschweig

Jahrhunderthalle Hoechst, Fraunkfurt

Audimax TU, Braunschweig

Verwaltungsgebäude Unterharzer Hüttenwerke, Goslar, 1957

Für Prof. Dieter Oesterlen: Niedersächsischer Landtag, Hannover

Fakultät für Bauwesen, Braunschweig

Schule Wilh.-Busch-Gymnasium, Hannover, 1958

Für Rüdiger Henschker: Olympia Werk, Braunschweig

Für Prof. Herbert Rimpl: Heinkel Werk, Oranienburg

Für den Bereich der Rhythmogramme:

Heinrich Heidersberger am Rhythmogramm 1961 3782/1, 1955 ohne Titel

3782/47, 1955 Cats 3782/50, 1955 Oktave

3782/113, 1956 Triennale 3782/115, 1956 Echo

Negativvergrößerung

3782/183a, Klangfläche Solarisation 3782/185 Triplum

3782/201a, 202a, 203a, 204a Variationen, Die Witwen 3782/205 Dädalus

3782/209 Frucht 3782/210, 1962 Spleen

3782/213, 1962 Initial 3782/226c, Solarisation

3782/229 Arabeske Negativvergrößerung 3782/223a Volte/ Rotation,

Negativvergrößerung

3782/235a, Umflochtenes Grau, Negativvergrößerung 3782/247 Prélude 1959

3782/250 Conchoide 3782/254c

3782/270b Orchis, 1955

3782/212a Initial, 1962

Sonstige:

Kopenhagen, Laederstraede 1935 Die Käfer und das Schloß,

1962

Der Mensch, 1953 Braunschweig St. Petri und

St. Andreas, 1954

Braunschweig, Blick vom Rathausturm, 1953 Braunschweig, Das Denkmal von Schaper

Schuh im Schlamm, 1950 Promenade, 1934

Ballett Rambert, 1950 Weinernte in der Provence

Antiquitäten beim "Roi Soleil", 1956 Der neue Laokoon, 1953

Geburtstagsanzeige Benjamin, 1957 Akt Solarisation, 1947

Kleid aus Licht, negativ 1949 Kleid aus Licht, 1951

Finis, 1950 Eiche, negativ, 1968

Kastanienknospe, 1936 Birkenallee, 1938

Alte Eiche, 1984 Kiefernwald bei Berlin

Roggenähre 1937 Pusteblume, 1961

Landschaft zur Erntezeit, 1958 Winterliche Landschaften

Frieden, 1972 Gasometer, 1951

Chirico Digital, 1996 Orchidee

Schneekristall, 1957 Bocksbart, Samenstand

Windkanal, 1955 Elektrische Ladung, 1955

 

 

 

Bibliographie

"Moderne Architektur im Lichtbild" in: Nikolaus Karpf (Hrsg.), Angewandte Fotografie, München: Verlag Großbildtechnik 1960, S. 34-54

Ausstellung Faltblatt Heinrich Heidersberger, Wolfsburg: Städtische Galerie 1962

Ausstellungskatalog Heinrich Heidersberger, Fotografien - Rhythmogramme, Hannover: Galerie Dieter Brusberg + Werkkunstschule 1962

Heinrich Heidersberger, in: Photo-Presse 32.1976.29 (15.7.).8.

Ausstellungs- Faltblatt Heinrich Heidersberger, Wolfsburg: Bürgerhalle des Rathauses 1990

Bode, Ursula: Ein notorischer Autodidakt, in: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Hannover: H.A.Z. 15.9.1981, S. 16

"Industriefotos in neuem Stil" in Grossbild technik Nr. 2 1958 München

"international photo technik"- Grossbild technik Nr. 3 01.07.1967 (S.169)

"international photo technik" Grossbild technik magazin für angewandte Fotografie in Technik, Industrie und Wissenschaft Heft 4/ 1971

"International photos Band III" Verlag Grossbild-Technik GmbH, München 25 1962 (S.46)

noch zu vervollständigen

Sachsse, Rolf: Skizze zu Heinrich Heidersberger: in: Fotografie, Göttingen: Fotografie Verlag 6.1982.17/18.106-108

Ausstellungskatalog Heinrich Heidersberger, das photographische Werk im Querschnitt, Wolfsburg: Städtische Galerie 1986.

Walter, Ute Karen: Heinrich Heidersberger, ein Lichtbildner, in: deutsche Bauzeitung, Stuttgart: DVA 123.1989.12.116-119.

Ausstellungskatalog Heidersberger, Strukturen- Konstruktionen Rhythmogramme, Bildbeispiele: Natur, Technik, Architektur, Braunschweig: Museum für Photographie 1992

Ausstellungskatalog Heinrich Heidersberger, Wolfsburg: Studio Schloß Wolfsburg 1996. Schubert, Claudia: Zwischen Dokument und Abstraktion, in: Ausstellungskatalog "Zwischen Dokument und Abstraktion", eine Auswahl aus der Sammlung der Deutschen Gesellschaft für Photographie, Köln: SK Stiftung Kultur 1996, S. 11-17

 

 

 

 

 

 

 

Werke mit Abbildungen Heidersberger:

Mäckler, Herrmann: Ein deutsches Flugzeugwerk. Die Heinkel-Werke Oranienburg. Architekt Herbert Rimpl, Berlin: Wiking Verlag o.J. (1939/40?)

Redaktion: Heinkelwerke Oranienburg, in: Die Baukunst, Beilage zu "Die Kunst im Deutschen Reich", Berlin 3.1940.2.

der stern, Hamburg 2.1949.34. Titelbild

Mewes, Bernhard: Braunschweig. Tradition, Trümmer und Aufbau, Braunschweig: Weisenhaus 1952.

Eckstein, Hans: Das Funkhaus des NWDR in Hannover, Arbeitsgemeinschaft der Architekten Kraemer, Lichtenhain, Oesterlen, in: Bauen und Wohnen. Zeitschrift für die Gestaltung und Technik von Bau, Raum und Gerät, München: Verlag Bauen und Wohnen 7.1952.1.1-6. [In dieser Zeitschrift noch zahlreiche weitere Veröffentlichungen]

Richter, Margarete: Raumschaffen unserer Zeit, Neue Bilder aus Häusern und Gärten, Tübingen: Wasmuth 1953

Schupp, Fritz: Industriebau und freischaffender Architekt, in: Der Architekt, hrsg. Von Bund deutscher Architekten, Essen: Vulkan-Verlag 3.1954.10.370-376 [In dieser Zeitschrift noch zahlreiche Veröffentlichungen]

Henn, Walter: Bauten der Industrie, 2 Bände. München: Callwey Verlag 1955 [Photographien im zweiten Band]

Heidersberger, Heinrich: Braunschweig, Braunschweig: Gersbach o.J. (1956?)

Deyle, Ernst: Farbige Architekturphotos, in: International Photo Technik, München: Linhof 9.1962.1.20-23.

Einhundert Jahre Kleinewefers Krefeld 1862-1962, Krefeld: Scherpe 1962

Conrads, Ulrich/ Marschall, Werner: Neue deutsche Architektur, Stuttgart: Hatje 1962

Heidersberger, Heinrich: Wolfsburg. Bilder einer jungen Stadt, München: Bruckmann 1963

Van Deren Coke: Avantgarde Fotografie in Deutschland 1919-1939, München: Schirmer und Mosel 1982, S. 36

Exhibition catalogue "Images et Imaginaires d´architecture, Dessin Peinture Photographie", Paris: Centre Georges Pompidou 1984, pp.361 und 391.

Ausstellungskatalog "Fotografie in deutschen Zeitschriften 1946-1984", Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen 1985, S. 17

Jean-Claude Lemagny, André Rouille (ed.), Histoire de la photographie, Paris: Bordas, p. 153 [dto. Englisch Oxford: University Press 1987, p.153].

Thömmes, Cornelia: Architektur in Wolfsburg. Mit Photos von Heinrich Heidersberger. 1997

Ausstellungen

Einzelausstellungen:

1947 Braunschweig, Kunstverein

1962 Wolfsburg, Städtische Galerie

1962 Linz, Neue Galerie

1967 Linz, Neue Galerie

1971 Wolfsburg, Städtische Galerie

1982 Ingolstadt, Stadt- und Lichtbildgalerie

1984 London, The Photographers Gallery

1986 Linz, Städtische Galerie

1987 Herning, Denmarks Fotomuseum

1989 Tucson, Arizona, Universität

1990 Ingolstadt, Stadt- und Lichtbildgalerie

1992 Braunschweig, Museum für Photographie (Wasserturm)

1996 Wolfsburg, Städtische Galerie (zum 90. Geburtstag)

1996 Bad Harzburg

1996 Hannover, Fotocentrum Zimmermann

1997 Kunstverein Gifhorn, "Die Rhythmogramme"

 

 

 

 

Personenapparat:

Aalto finnischer Architekt. Erbaute zwei Kirchen und ein Kulturzentrum in Wolfsburg

Asher Dozentin an der Universität in Washington für Kunstwissenschaften. Mit ihr ist Heidersberger noch immer befreundet. Sie organisierte seine Ausstellung im Jahre 1986 dort.

Atget einer der ersten Architekturphotographen, der häufig Alt-Paris ablichtete.

Andersen, Schulfreundin in Dänemark mit lebenslanger Bindung an Heidersberger

Bartels, Architekt u.a. der Wolfenbütteler Ingenieursschule, über ihn bekommt Heidersberger seine Räumlichkeiten für Labor, Werkstatt und Atelier in Braunschweig: Wilhelmstraße

G.Beck, einer der ersten Künstler und Mitbegründer der Künstlerkolonie "Schloß-

straße 8" in Wolfsburg. Er war Wiener und arbeitete in Salzburg.

Blossfeldt, Künstler und Photograph, den Heidersberger mit seiner Darstellung der schmiedeeisernen Ähnlichkeit mit naturgegebenen Formen nicht als logisch nachvollziehbar erachtet.

Botter (Corry), die in Surabaya geborene holländisch Indioneserin war die erste Ehefrau Heidersbergers. Aus dieser Ehe gehen die drei Söhne Börge, Anton und Gerhard hervor. Die Hochzeit war 1934 und man lebte zunächst in Kopenhagener Laederstraede.

Brodmann, Photograph in Braunschweig, Produzent der Dokumentation "Die zweite Wirklichkeit" über Heinrich Heidersberger

Broer, Bildhauerin spezialisiert auf Hauszeichen

Burkhardt, in focus Galerie am Dom, Köln

Bunuel, Filmregisseur

de Chirico, surrealistischer Maler mit großem Einfluß auf Heidersberger.

Cocteau, 1892- 1963. Maler, Autor und Filmemacher.

Colder, der Erfinder des Mobiles, der in Amerika bekannt für seine Drahtplastiken wurde, war in der Pariser Zeit noch ein gelegentlicher Wegbegleiter Heidersbergers.

Crane galt als großer Sammler photographischer Werke, bis er seine gesammelten Werke der Eröffnung des Paul Ghetty-Museums zur Verfügung stellte. Die einzige Photographie, die er sich danach noch zulegte, waren die "Radfahrer" Heidersbergers.

Eckelsberg, Maler der Gruppe Thorwadsen in Rom. Heidersberger schätzt seine Bilder und Gemälde sehr.

Empérauger, französischer Student und in mit der "Chantier de la Jeunesse" als Zwangsarbeiter in Wadenstedt in den Stahlwerken.

Fujita, den japanischen Graphiker und Exzentriker lernt Heidersberger auch während seines Paris-Aufenthalts kennen.

Giesegen, er lebte mit Heidersberger in der Rue Perrier in Paris und auch später mit ihm in Den Haag. Er war Holländer und wollte als Maler und Graphiker Filme drehen. Er brachte interessante Eindrücke aus der Sowjetunion mit, die er bereiste. Sein richtiger Name war van Büren Lenzing- er wurde lange Zeit von seiner wohlhabenden Mutter unter- und ausgehalten.

Grossmann, einstige Braunschweiger Praktikantin von Heidersberger, heiratete reich und avanciert somit zu "seiner Milionärsfreundin". Die Freundschaft währt bis heute.

Anton Heidersberger, zweitältester Sohn Heidersbergers

Benjamin Heidersberger (geb. 1957) Geschäftsführer bei PONTON European Media Art Lab in Hannover

Börge Heidersberger, ältester Sohn Heidersbergers

Charlotte Heidersberger (geb. Berger), dritte Ehefrau Heidersbergers.

Friedrich Heidersberger, 2 Jahre jüngerer Bruder Heinrichs, er stirbt im Krieg.

Gerhard Heidersberger, dritter Sohn Heidersberger

Henriette Heidersberger,einzige Tochter Heidersbergers

Konstantin Heidersberger, jüngster Sohn Heinrichs. Elektromeister und verantwortlich für digitalisierte Bildarbeit.

Renate Heidersberger, zweite Ehefrau Heidersbergers. Selber 29 Jahre jünger als Heidersberger hat sie an der Berliner Schauspielschule ihre Prüfungen abgelegt.

Dita Helmdach hat mit Heidersberger für den Stern gearbeitet, als er noch in seinen hannoverschen Kinderschuhen steckte. Als Kriegswitwe mit zwei Kindern war sie, wie es nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre, stets witzig drauf. Von ihr Hat Heidersberger seinen Spitznamen Robin. Heute wohnt sie auf Korsika.

Ernest Hemingway wohnte zeitgleich mit Heidersberger in Paris und war mit Olive Scott, Heidersbergers englischer Freundin befreundet.

Prof. Henn, verantwortlich u.a. für die Bauten Blaupunkt in Lichtenberge, Siemens in der Ackerstraße in Braunschweig, Chemische Werke Hüls in Braunschweig, Mensa-Neubau in Braunschweig, Siemens in Mülheim, Verlag Bertelsmann, Firma Still in Hamburg Billstedt, Stadtwerke in Braunschweig, Varta-Akku-Fabrik in Hagen, Hoesch in Hagen, Laborbauten von Hoechst, Osram-Verwaltungsgebäude in München, Hochhaus DuPont in Düsseldorf, Max-Planck-Institut in Göttingen, Kreishaus in Bergisch Gladbach.

Holger Hesbek, Bruder des dänischen Pflegevaters.

Ulrich Hesbek, Pflegevaters Heidersbergers, Apotheker.

Dr. Hesse, einstiger Oberstadtdirektor der Stadt Wolfsburg

Erik Hesselberg Kontikifahrer unter Heyerdahl. Dekorateur und Graphiker in Braunschweig, verheiratet mit Liss Hinsen.

Genoveva von Hohenlohe, Photographin. Mit ihr hat Charlotte in der Salzgitter-Stahlwerkzeit zusammengelebt. Auch Heidersberger wohnte zeitgleich mit seiner ersten Frau und drei Kindern hier.

Ludwig Hohl, der Schweizer Schriftsteller und Philosoph begegnet Heidersberger anfänglich in Paris. Er machte stets großes Aufheben um sich und inszenierte sich. Er wohnte mit in Den Haag. Späterhin übersiedelt er zurück in die Schweiz.

Margeret Hordyk, Studentin der Columbia-University und lebenslang.

Ida Karamian (Ida Kar), Photographin und Leiterin einer Londoner Kunstgalerie "ONE" mit ihrem Mann Victor Masgrave

Wadja Karnit, die Libanesin, die Heidersberger während der Salzgitter Stahlwerkzeit kennenlernte, hat einen Sohn Pierre von ihm. Sie wanderte nach Kanada aus.

Peter Keetmann, Lichtgraphiker, entfernt vergleichbar mit Heidersbergers Rhythmogrammen

Herr Kieninger, Lehrer in der Linzer Schulzeit Heidersbergers

Prof. Ludwig Kraemer, Architekt der Braunschweiger Schule (u.a. verantwortlich für den Bau des Rolleiflex-Gebäudes in Braunschweig, welches Heidersberger ablichtete). Ferner lichtet Heidersberger sämtliche angefertigte Modelle des Architekten ab: Funkhaus Hannover, Brunsvigahaus in Braunschweig, Constructa Siedlung, Golfplatz Braunschweig, Technische Hochschule, Braunschweiger Ansichten, Unterharzer Hüttenwerk, Tankstelle, Flebbe, Berufsschule Essen, Landessparkasse Staatsbank, Hamburg- Mannheimer, Krankenhaus Saarbrücken, BASF, Mensa Kiel, LVA Braunschweig, Krankenhaus Oeynhausen, Sparkasse Düsseldorf, Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel, Atrium Hotel Braunschweig.

Thöger Larsen, dänischer Lyriker und Amateurastronom, Freund des Pflegevaters. Anreger Heidersbergers

Börge Ludvigsen übernahm die Firma des Vaters, der Erfinder der Trockenbatterie war.

Matisse hat Heidersberger von Ferne in den Pariser Cafés gesehen, es kam aber kein wirklicher Kontakt zustande.

Emme von Medlinger schrieb ein Buch über die Organisation der Wienerkinder: "Die Wienerkinder in der Landflucht".

Henry Miller hatte als Bildhauer ein großes Atelier in Paris. Bei einem seiner "Atelierfeste" photographierte Heidersberger. Ida Kar war mit dabei.

Piet Mondrian, Maler. Heidersberger lernt ihn Paris kennen.

Dr. Nissen, ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg

Prof. Oesterlen, verantwortlich für den Bau des Hannoverschen Landtages, den Heidersberger photographierte, sowie die Marktkirche Hannover

Karl-Heinz Pepper entwarf das Berliner Europacenter. In der Pariser Zeit wohnte er eine Zeit lang im Atelier Heidersbergers in der Rue Perrier.

Pablo Picasso, Maler und Besitzer eines Heidersberger-Rhythmogramm durch Cocteau.

Franz Pühringer, Puppenspieler und Dramatiker. Mit ihm gründet Heidersberger nach der Pariser Zeit in Linz ein literarisches Kabarett: Die Thermopylen.

Herbert Rimpl, einstiger Assistent von Hitlers Hausarchitekten Albert Speer, Bauleiter für das Flugzeugwerk Oranienburg von Ernst Heinkel übernommen.

Hilli Roth, einstiges Photomodell in der frühen Zeit Heidersbergers. Sie ist im "Kleid aus Licht" verewigt und noch heute mit Heidersberger gut befreundet.

Schweitzer, Architekt u.a. der Wolfenbütteler Ingenieursschule

Olive Scott, Freundin Heidersbergers in der Pariser Zeit. Sie war Krankenschwester.

George Simenon, Schriftsteller

Yves Tanguy, Surrealist und Freund Heidersbergers in der Pariser Zeit

Siegfried Tautz unterhält ein Studio für Werbephotographie, Leiter des "Camera-Museums" in Braunschweig, Produzent der Dokumentation "Die zweite Wirklichkeit" über Heinrich Heidersberger

Karl-Heinrich Weghorn, Dozent an der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig, Produzent der Dokumentation "Die zweite Wirklichkeit" über Heinrich Heidersberger

Herr Wittig, Leiter für Denkmalschutz in Braunschweig mit Frau C. Thömmes

Eduard Zak, Schulfreund aus der Linzer Zeit Heinrich Heidersbergers mit seiner Frau Annemarie Auer-Zak