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Estland
 
 
In Estland gibt es keine Haikugesellschaft. Ich vermute, es gibt mehr als 100 Esten, die Haiku dichten. Die meisten bekannten Dichter haben ein paar Haiku geschrieben. Es gibt keine dichter, die sich ausschließlich dem Haiku verschrieben haben. Dichter, die meist in anderen Gedichtformen schreiben, machen ab und zu auch Haiku. Ich habe nichts davon gehört, dass eine Gesellschaft gegründet werden soll.
Organisiertes Haikuleben gibt es nicht, aber 1980 wurde eine Anthologie estnischer Haiku veröffentlicht (Der Title auf estnisch: Kõik siin maailmas.
Valimik Eesti haikusid. Koostanud Mart Mäger. Tallinn, "Eesti Raamar", 1980, 264 Seiten). Die ersten estnischen Haiku wurden schon vor dem ersten Weltkrieg von unsrem symbolistischen Dichter Ernst Enno geschrieben. Diese Haiku sind untergegangen. Erhalten geblieben sind die ersten Tanka , die Artur Valdes geschrieben hat. Sie wurden 1917 veröffentlicht (Almanach „Siuru“,1). Die erste Übersetzung von Bahso-Haiku besorgte Ormi Arp 1925. Der Dichter Johannes Barbarus veröffentlichte seine ersten Haiku 1930.
Ein bekannter Dichter, der mehrsprachliche Professor Uku Masing hat in den dreißiger und vierziger Jahren viele Haiku und Tanka übersetzt und selbst geschrieben. Schon in den Zwanzigern hat er sich fundierte Kenntnisse japanischer Dichtkunst erworben. In den Sechzigern ging von ihm ein großer Einfluss auf die junge Generation aus – sehr viele Dichter begannen damals Haiku zu schreiben. Danach ging das estnische Haikuschaffen zurück, versiegte aber nie.
Hier und da werben estnische Lehrer dafür, dass ihre Schüler Haiku schreiben. Sie halten Haiku für ein gutes Mittel, die Kreativität der Schüler zu fördern.
Der größte Haiku-Bewunderer war der Herausgeber unserer Anthologie Mart Mäger (1935-1993), der unter dem Pseudonym Väino Vesipapp auch selbst Haiku schrieb. Er dachte daran, einen Haikuclub oder eine –gesellschaft in Estland zu gründen. Es kam aber nie dazu.
Es gibt eine Verbindung zwischen Haiku und der estnischen Dicht-Tradition. Der Bezug zur Natur im japanischen Haiku und in alten estnischen Volksgedichten (regivärss) ist ähnlich – es gibt auch religiöse Ähnlichkeit: die estnischen vorchristliche Religion maausk und japanischer shinto haben die gleichen Hauptinhalte. Die Bilder vom Mond und dem Kuckuck in den estnischen regivärss und in japanischen Haiku sind fast identisch.
Im 19. Jahrhundert schrieb unser bekannter Dichter Juhan Liiv kurze Gedichte über die Natur und deren Bedeutung für die menschliche Seele – diese Gedichte ähneln Haiku sehr. Juhan Liiv wusste nichts über japanische Dichtung.
Die estnische Sprache ist agglutinierend („anklebend“, d.h. die grammatischen Beziehungen im Satz werden durch Anhänge an den Wortstamm der einzelnen Wörter markiert).  Ihre Grammatik hat viel Ähnlichkeit mit Japanisch, Koranisch und Mandschurisch. Japaner lernen schnell estnisch. Ihre Aussprache ist auch sehr gut. Russen können nicht gut estnisch und finnisch lernen und ihre Aussprache ist auch schlecht. Deutsche kommen besser damit zurecht, aber nicht so gut wie Japaner.
Die Wortfolge in einem estnischen Satz ist sehr frei. Das ist beim Haikuschreiben wichtig – man hat viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten.