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Max Verhart

Haiku in den Niederlanden und Flandern

 

Das holländische Sprachgebiet umfasst die Niederlande und den nördlichen Teil Belgiens, den man als Flandern kennt. In den Neiderlanden wird aber in der nördlichen Provinz Friesland noch eine zweite lebende Sprache gesprochen und geschrieben: Friesisch – neben holländisch, denn die Friesen sind zweisprachig. Seit etwa 1980 wurde das Haiku in der Gegend heimisch und wird sowohl auf holländisch als auch friesisch geschrieben.

 

Geschichte

 

Der erste Holländer und soweit wir wissen überhaupt der erste aus dem Westen, von dem man weiß, dass er Haiku geschrieben hat, war Hendrik Doeff (1777-1835). Von 1798 bis 1817 lebte er auf Deshima, einer kleinen künstlichen Insel im Hafen von Nagasaki in Japan, wo ein holländischer Handelsposten angesiedelt war. Diese Ansiedlung war zu dieser Zeit das einzige „Tor“ zwischen der streng abgegrenzten japanischen Gesellschaft und der Welt draußen. Außer dass der Leiter der Handelsniederlassung den Shogun in der Hauptstadt Edo alle ein oder zwei Jahre einmal besuchen durfte, durften die Japaner außer der künstlichen Insel japanischen Boden nicht betreten. Aber das verhinderte Kontakte zwischen den Holländern und Japanern nicht. In diesen Kontakten hatte auch kultureller Austausch seinen Platz, und Haiku war ein Teil davon. Doeff, einige Jahre lang der Leiter der Niederlassung, interessierte sich für die japanische Sprache. Ein holländisch-japanisches Wörterbuch, das er zusammenstellte, bezeugt das. Überdies fand man zwei von ihm geschriebene Haiku in japanischen Veröffentlichungen aus der Zeit, in der er sich dort aufhielt. Hier ist eines davon:

leih mir deinen Arme,
schnell wie Blitze,
als Kissen auf meiner Reise

Wahrscheinlich bezieht sich das Haiku auf eine junge Dame, die er beobachtete, wie sie sehr schnell Tofu in Scheiben schnitt, als er auf einer seiner Reisen zum Shogun in einem Wirtshaus war. Es gibt keinen Nachweis darüber, ob Doeff sich nach seiner Rückkehr nach Holland noch für Haiku interessierte. Ganz sicher spielte er keine Rolle bei der Verbreitung des Haiku außerhalb seines Herkunftslandes. Die fand nämlich erst im 20. Jahrhundert statt.

Obwohl sich Haiku in der holländischen Sprache erst gegen 1980 so langsam verbreitete, erlebte es schon vorher zufällige Beachtung. Das prominenteste Beispiel dafür findet sich im Werk des holländischen Dichters J.C. van Schagen (1891 - 1985). Nachdem er sich mit Dichtung in verschiedenen Stilen einen Namen gemacht hatte, gebrauchte er in seinen späteren Jahren oft das dreizeilige 5-7-5-Schema um sich auszudrücken. Er zog es trotzdem vor, diese Werke nicht als Haiku zu bezeichnen, weil er das Schema auf sehr persönliche Weise gebrauchte und sich nicht darüber streiten wollte, ob das nun Haiku waren oder nicht. Einer der Namen, die er für diese kleinen Gedichte gebrauchte, war Reflexe, aber er zeigte sich dankbar gegenüber Japan dafür, dass es das Ursprungsland dieses „Kleinods“ war. Eines seiner Gedichte:

 
ze is nog een kind                                         sie ist noch ein Kind             
doe heel voorzichtig met haar                    sei sehr vorsichtig mit ihr
die mijn Moeder was                             die meine Mutter war
 

In Flandern begann Bart Mesotten in den frühen Siebzigern Haiku zu schrieben und dafür zu werben. Mit einigen anderen, die sich für diese Art Dichtung interessierten, begann er 1976 das Haikoe-Centrum Vlaanderen (Haiku Zentrum Flandern). Für seine Verdienste beim Werben für Haiku wurde er 2000 in Matsuyama in Japan mit dem Internationalen großen Shiki Masaoka Haiku Preis geehrt. Ein Gedicht, das er schrieb:

 

 
Ik rijd negentig.                                   Ich fahre neunzig.
In mijn auto zweeft rustig                      In meinem Auto schwebt ruhig
een wilgenpluisje.                                 ein Weidenkätzchen

Der bedeutendste Anstoß für die dauerhafte Einführung des Haiku in der holländischen Sprache war jedoch die Anthologie Een nieuwe maan (Ein neuer Mond), , die von J. van Tooren (1900 - 1991) zusammengestellt und 1973 veröffentlicht wurde. Sie war schon über fünfzig als sie Haiku bei der Lektüre der Bücher von H.R. Blythe kennen lernte. Sie wollte diese Kleinode in der Originalsprache lesen und begann mit 60 japanisch zu lernen und als sie es beherrschte übersetzte sie viele Haiku ins Holländische. Die Anthologie erklärte in der Einleitung Ursprung, Geschichte, Form und Charakter des Haiku. Das Buch war der zündende Funke für ein recht großes Interesse und brachte viele dazu, sich an Haiku zu versuchen. 1980 gründeten acht Haiku-Interessierte den Haiku Kring Nederland (Haiku-Kreis der Niederlande).

Die Entwicklung des Haiku in den Niederlanden und Flandern ist wahrscheinlich vergleichbar mit der Entwicklung, wie sie in andern Ländern außerhalb Japans verlief und verläuft. Zuerst waren die meisten Versuche Haiku zu schreiben Nachahmungen der japanischen Originale, vor allem solcher, wie sie in den Büchern von Blythe auf englisch und von Van Toorn auf holländisch vorgestellt wurden. Später versuchten die Dichter immer mehr ihren eigenen Ansatz, suchten nach Wegen, das japanische Beispiel mit ihrer eigenen poetischen Haltung, den Charakteristika ihrer Sprache und Kultur zu verschmelzen. Der wahrscheinlich prominenteste Dichter, der das tat war W.J. van der Molen (1923-2002), der sich in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts einen Namen als Dichter gemacht, sich aber ab etwa 1980 nur noch dem Haiku gewidmet hat. Wie vorher Van Schagen benutzte er die Form in sehr persönlicher Art und Weise und versuchte nicht, sie japanisierend zu übernehmen. Hier ist eines seiner Haiku:

 
Voor wat wisselgeld                                      Für etwas Kleingeld
koop ik van een grijze moeder                    kauf ich von einer greisen Mutter
de stilte in haar hoof                             die Stille in ihrem Kopf

Man kann also zwei Stadien der Entwicklung des Haiku ausmachen: im ersten wurde Haiku adoptiert, im zweiten adaptiert. Besonders seit Ende der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts kann man diese Entwicklung im holländischen Sprachraum beobachten. Als Ergebnis tauchen jetzt neben immer noch vielen in klassischem Stil geschriebenen Haiku solche in freierem Stil auf, freier in der Form, im Inhalt oder in beidem. Einige mustergültige Dichter wie Van Schagen und Van der Molen haben offensichtlich das erste Stadium fast völlig übersprungen.

 

Organisationen

 

Das Haikoe-Centrum Vlaanderen (HCV), mit etwa 120 Mitgliedern und der Haiku-Kreis der Niederlande (HKN) mit etwa 200 Mitgliedern sind Vereinigungen mit Einzelmitgliedern aus ganz Flandern bzw. den Niederlanden. Ihre Ziele sind, das Interesse an und die Beschäftigung mit Haiku zu fördern und das Verfassen original holländischer Haiku anzuregen. Sie organisieren zum Beispiel Treffen mit Reden über Haiku-Probleme, Wokshops und Diskussionen.

Vor einigen Jahren begann der HKN, jedes Jahr einen Ausflug zu organisieren, den man als ginko bezeichnen könnte. Die Teilnehmer sind aufgefordert, ihre Beobachtungen und Reaktionen in Haiku auszudrücken. Wenn die Zeit reicht werden diese am Ende des Ausflugs diskutiert. Es gab Besuche im botanischen Garten in Leiden, in einem japanischen Garten in einem ehemaligen Gewächshaus und im Van Gogh-Museum in Amsterdam.
Regional gibt es so genannte Haiku-Zellen, deren Mitglieder nicht notwendigerweise auch im HCV oder HKN organisiert sind, die Leitungen dieser Zellen sind aber Mitglieder. Die Zellen treffen sich regelmäßig und diskutieren Haiku-Themen oder von den Mitgliedern geschriebene Haiku. Die Zelle in Friesland hat sich übrigens den Namen Froaskedobbe ausgesucht, das ist friesisch für Froschteich. Sie wollen damit Basho ehren, so wie es die Haikugesellschaft der USA getan hat indem sie ihre Zeitschrift Froschteich nannte!

 

Publikationen

 

Eine gemeinsame Aktivität von HCV und HKN seit 1981 ist das Vierteljahresmagazin Vuursteen (Feuerstein), Haiku, Senryu, Tanka und anderen Gedichtformen japanischen Ursprungs gewidmet. Die Zeitschrift dient sowohl dem Zweck Informationen und Kommentare zu verbreiten als auch als Plattform um original holländische Haiku vorzustellen. Über die Jahre gesehen haben sich die veröffentlichten Artikel viel mit den Ursprüngen und der Entwicklung des Haiku vor allem in Japan beschäftigt, es gab aber auch Aufsätze über Haiku in anderen Teilen der Welt, Buchbesprechungen, Analyse von im Haiku angewandten literarischen Techniken usw. Das Magazin ist die älteste noch existierende Haiku-Zeitschrift in Europa.
Vuursteen veröffentlicht Original-Haiku auf holländisch und manchmal friesisch. Zeitweise finden sich auch Haiku auf süd-afrikanisch, das auf das Holländische des 17.Jahrhunderts zurückgeht und eine der offiziellen Sprachen Südafrikas ist. Die Holländer waren die ersten Kolonialisten in Südafrika.
1991 startete W.J. van der Molen seine Zeitschrift Kortheidshalve (Der Kürze halber), die dreimal im Jahr erschien und allgemein der Kurzlyrik gewidmet war, mit speziellem Interesse an Haiku. Van der Molen war einer der Herausgeber von Vuursteen, wurde aber unzufrieden mit der ziemlich traditionellen Auffassung des Genres, wie sie die anderen Herausgeber vertraten. Deshalb fanden Haikudichter mit einer liberaleren Auffassung in Kortheidshalve eine Plattform, wo sie ihre Werke präsentieren konnten. Die letzte Ausgabe wurde nach dem Tod Van der Molens 2002 von seinen Freunden herausgegeben.

Nicht speziell holländisch, aber in den Niederlanden (in Friesland genauer) herausgegeben wurde Woodpecker, ein internationales Magazin mit Haiku aus aller Welt in den Originalsprachen und Übersetzungen in englisch (natürlich nicht, wenn es sich um einen englischen Text handelte). Es wurde von 1995 bis 2002 zweimal im Jahr herausgegeben.

2000 veröffentlichte der HKN zur Feier seines 20. Geburtstags aan het woord (sprechen), eine Sammlung von Haiku und Tanka seiner Mitglieder. Diese Produktion wurde sehr geschätzt, sodass HKN and HCF beschlossen, alle zwei Jahre eine solche Sammlung zu veröffentlichen. 2004 kam die dritte Anthologie in dieser Reihe heraus.
All die Jahre haben die größeren Verlage wenig oder gar kein Interesse für das holländische Haiku gezeigt. Werke holländischer Haikuschreiber wurden vor allem von kleinen und oder privaten Verlagen herausgebracht, manchmal mit Produktionskostenbeteiligung der Autoren. Natürlich nehmen Autoren und einige Haiku-Zellen die Herausgabe ihrer Werke in die eigene Hand.
In einer Situation wie dieser verhindert Qualitätsmangel der Gedichte selten die Veröffentlichung. So wichtig eine Publikation für das Wohlbefinden des Autors sein mag, zu viele gedruckte nicht so gute Haiku tragen nicht dazu bei, das allgemeine Interesse  am Haiku zu fördern – und das ist in der Tat sehr gering.

 

Gegenwärtige Situation

 

In der literarischen Welt Hollands hat das Haiku fast keinen Stand. Von einigen Ausnahmen abgesehen zeigen weder Verlage noch Kritiker oder Dichter außerhalb der Haiku-Szene viel Interesse, noch nicht einmal Beachtung. Sollte das unser Hauptanliegen sein? Meine persönlich Antwort ist: wir sollten nicht um die Anerkennung von Haiku in der literarischen Welt kämpfen, sondern nur um die höchste Güte der Haiku. Das wird natürlich helfen, nach und nach Anerkennung zu finden.

 

Eine kleine Sammlung holländischer, flämischer und friesischer Haiku

  
Achter de duinen                               hinter den Dünen
tussen ruisende dennen:                  zwischen raschelnden Tannen
het zeemanskerkhof                         der Seemannsfriedhof
 Adri van den Berg (Niederlande)
 
Met elke voetstap                       mit jedem Schritt
wordt de weg wat langer –           wird der Weg ein bisschen länger -
wordt hij wat korter.                   wird ein bisschen kürzer
Inge Lievaart (Niederlande) 
 
 
kijk, die olifant                                     schau, der Elefant
langzaam wordt hij twee hondjes            langsam werden zwei Hunde draus!
wolken in de wind                                 Wolken im Wind
Marianne Kiauta (Niederlande) 
 
 
Het zachte tikken                                 das sanfte Klopfen
van de witte blindenstok                        des weißen Blindenstocks
onder de bloesems                               unter den Blüten
Willy Cuvelier (Flandern) 
 
 
bij scherpe wind                                   im scharfen Wind
wandelt stilte in de straat                      wandelt Stille durch die Straße
decembermorgen                                 Dezembermorgen
Marcel Smets (Flandern)
 
November mist                                    Novembernebel
geschreven in het veld                          ins Feld geschrieben
bericht van een mol                              Maulwurfsnachricht
Wim Lofvers (Niederlande) 
 
 
ik kijk achterom                                   ich schau zurück
duizenden zonnebloemen                       tausende Sonnenblumen
staren mij plots aan                              starren mich plötzlich an
Hans Reddingius (Niederlande) 
 
 
stille Zondag                                        stiller Sonntag
de schaduw van de iep                          der Schatten der Ulme
doet zijn ronde                                    macht seine Runde
Max Verhart (Niederlande) 
 
 
ze glijdt in het bad                               sie gleitet ins Bad
het zacht voelende water                      das sanfte Gefühl von Wasser
lijkt op zijn adem                                  gleicht seinem Atem
Paul Mercken (Flame, lebt in den Niederlanden)
 
Yn 'e hjerststoarmen                            In den herbststürmen
Ek it lêtste apeltsje                               hat sich auch das letzte Äpfelchen
Hat him losmakke                                 gelöst
Gé de Jong (Friesland, Niederlande)
Übersetzung: Martin Berner